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Fateless – Roman eines Schicksallosen

Sorstalanság. HU/D/GB 2005. R: Lajos Koltai. B: Imre Kertész. K: Gyula Pados. S: Hajnal Sellö. M: Ennio Morricone. P: EuroArts Entertainment. D: Marcell Nagy, János Bán, György Gaszó, Judit Schell, Sára Herrer, Daniel Craig u.a.
140 Min. NFP ab 2.6.05

Geduldsübung

Von Carsten Happe Berlinale-Anekdote Nr. 231: Die Weltpremiere von Fateless – in letzter Minute als sogenannter Überraschungsfilm in den Wettbewerb gerutscht. Auch für die Akkreditierten keine Tickets mehr im regulären Verkauf, dafür mit den »Lucky Twelve« als Platzauffüller in den Berlinale-Palast hereingerutscht – damit es schön voll aussieht, wenn die Ehrengäste kommen oder das Fernsehen über die Reihen filmt, kennt man ja von den Oscars. Davor noch eine gespannt-ungeduldige Wartezeit in den labyrinthischen Gängen dieses Cineastentempels, bevor es gegen halb zwölf nachts endlich losgeht, ohne Ahnung wie lang und wohin die Reise führt.

Es ist ja ein grundsätzliches und kaum zu lösendes Dilemma, wie viel man im Vorfeld über einen Film wissen sollte, ob man ein Werk eher unbedarft auf sich wirken läßt oder alle zuvor medial verbreiteten Kleinigkeiten in sich aufsaugt. Gerade bei Hollywood-Großproduktionen, die scheinbar das Label »Top Secret« vor sich her tragen, wird man mit Bildern und Hintergrundschnipseln aus dem Internet regelrecht bombardiert, daß eine quasi jungfräuliche Filmbetrachtung kaum mehr möglich scheint. In diesem, dem Fall von Fateless aber, ließ sich, außer der Tatsache, das Regiedebüt des renommierten Kameramanns Lajos Koltai zu begutachten, nichts ins Feld führen, nicht einmal die Filmlänge. Und eins kann ich sagen: Nichtwissen macht ungeduldig.

Minutiös folgt der Film der Lebens- und Leidensreise eines jungen Juden durch den Zweiten Weltkrieg, untermalt von der hingebungsvoll dräuenden Musik Ennio Morricones. Die einschlägige Presse sprach in den Tagen nach der Aufführung beinahe einhellig von Holocaustkitsch, und genau das ist es, wenn aus Konzentrationslagern grotesk poetische Bilder über die Leinwand flimmern, immer wieder Morricone die Stimmung vorbetet, Hauptdarsteller Marcell Nagy wie ein jugendlicher Adam Green mit seinen Rehaugen in die hoffnungslose Szenerie blickt.

Nach gefühlten dreieinhalb Stunden senkt sich der Vorhang über diese unendlich brav abgefilmte Tragödie; die Protagonisten des Werks erklimmen unter wohlwollend-verschämtem Applaus die Bühne, auch Nobelpreisträger Imre Kertész, Autor der Romanvorlage sowie des Drehbuchs, das er der Legende nach nur verfaßt habe, um ein noch elenderes zu verhindern. Weit nach zwei Uhr morgens spuckt der Berlinale-Palast die Besucher wieder aus, in die trostlose Kulisse eines nächtlichen, im Schneematsch ertrinkenden Potsdamer Platz. Mit dem neuen Film von Christian Petzold wurde es auch am nächsten Tag wieder gespenstisch. 1970-01-01 01:00
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