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Fata Morgana

D 2007. R,B: Simon Groß. B: Nana Ekvtimishvili, Stefan Stabenow. K: Peter Steuger. S: Stefan Stabenow. M: Marianna Bernoski. P: enigma film. D: Matthias Schweighöfer, Marie Zielcke, Jean-Hugues Anglade u.a.
87 Min. Stardust ab 16.8.07

Komm bloß nicht von der Piste ab…

Von Sebastian Gosmann …sonst wird’s unangenehm. Nicht nur für die beiden Marokkourlauber Matthias Schweighöfer und Marie Zielcke. Auch für den Betrachter.

Die ersten Bildsequenzen sollen uns einen Eindruck vermitteln vom Umgang der beiden Hauptfiguren miteinander. So beobachten wir das Pärchen beim vergnügten Schlendern über einen orientalischen Basar oder beim Liebesakt auf dem Hotelzimmer. Eine ganz normale, gut funktionierende Beziehung wird einem glauben gemacht. Doch mit den daran anschließenden Szenen untergräbt Regisseur Simon Groß nicht nur seine eigene Behauptung, sondern das gesamte Fundament seines Films: Er läßt Daniel und Laura das Schweigen zur Tugend erheben.

Offenbar wird in Fata Morgana nicht die große Liebe auf die Probe gestellt, sondern eine von unausgetragenen Konflikten gebeutelte. Und das führt letztlich zu einer zu geringen Fallhöhe für das Pärchenglück, mit dessen Degeneration der Film fesseln will. Oder liegt etwa ein Mißverständnis vor, und Daniel und Laura haben die Stufe der vollkommenen Ergänzung bereits erreicht, verstehen sich mittlerweile also – wie man so schön sagt – blind? Derlei Leerstellen würden in diesem Falle allerdings anderweitig ausgefüllt werden (im Film: müssen), etwa durch verständige Blicke und Gesten, kurz: durch eine Atmosphäre des zwischenmenschlichen Einklangs. Jene Wortkargheit aber, die zwischen Daniel und Laura entsteht, sobald wir mit ihnen im Jeep sitzen, ist von einer gänzlich anderen Sorte.

Das unangenehme Schweigen zwischen ihnen hat nicht nur zur Folge, daß die Figuren unwillkürlich immer mehr unsympathische Züge offenbaren, welche das Interesse an deren Schicksal empfindlich schmälern. Auch die damit verbundene Uninformiertheit macht dem Zuschauer zu schaffen, und es ergeht ihm bald ähnlich wie den beiden Wüstenausflüglern, nachdem ihre Wasservorräte aufgebraucht sind. Es dürstet ihn. Und zwar nach Bescheidwissen. Denn bis auf ein paar dürftige biographische Eckdaten erfährt er schier gar nichts über dieses junge Paar, für deren Geschichte er sich in den ersten der 88 Minuten Spielzeit ja eigentlich erwärmen soll.

Der geheimnisvolle Fremde, der Laura und Daniel ins Ungewisse führt, ist uns am Ende nur unwesentlich geheimnisvoller oder fremder geblieben als das deutsche Pärchen. Bedrohlich wirkt er ja schon irgendwie. Doch befördert sein verschwiegenes Wesen und seine betonte Coolness keineswegs die Spannung des Erzählten, sondern entpuppt sich nach und nach vielmehr als zusätzliche Kampfansage an die Geduld des Zuschauers.

Das aus dramaturgischer Sicht durchaus ehrenwerte Bestreben, das Gefühl der Einsamkeit und des Ausgeliefertseins auf den Zuschauer zu übertragen und ihn damit an die Geschichte und deren Protagonisten zu binden, mündet hier in einer bemerkenswerten Langatmigkeit. Für den Kinogänger ziehen sich die Minuten hin wie für Daniel und Laura die Tage. Das auf der Leinwand gegebene Zeichen zur Weiterfahrt hat für ihn bald etwas Unheilvolles, denn Weiterfahren bedeutet, sich mal wieder den gediegenen Landschaftsaufnahmen hingeben zu müssen, deren Attraktivität ihn schon seit den letzten gut tausendfünfhundert Kilometern nicht mehr zu beeindrucken vermag. Und im Innern des Jeeps: eisiges Schweigen. Dicke Luft, die nicht abgelassen wird.

Da dem Trip in die Wüste in Fata Morgana demnach offensichtlich nicht die Funktion eines Katalysators zukommen soll, muß man eben ständig über etwas anderes reden: die Piste. »In welcher Richtung liegt denn die Piste?«, »Wann kommen wir denn endlich zur Piste?«, »Wir müßten die Piste doch eigentlich schon längst erreicht haben.« Man möchte glatt mit einstimmen: »Ja, wo liegt sie denn jetzt, diese verdammte Piste, wann sind sie denn endlich da?« 1970-01-01 01:00
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