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Die Farbe der Lüge

Au coeur du mensonge. F 1998. R,B: Claude Chabrol. B: Odile Barski. K: Eduardo Serra. S: Monique Fardoulis. M: Matthieu Chabrol. D: Sandrine Bonnaire, Jacques Gamblin, Valeria Bruni-Tedeschi u.a.
103 Min. prokino ab 12.8.99
Von Thilo Wydra Mit Die Farbe der Lüge kehrt Claude Chabrol endlich dorthin zurück, wo er à la maison ist, wo seine Stärken und seine Wurzeln liegen: in das Herz der Lüge, in die (Un-)Tiefen der Bourgeoisie, in die Maskerade des Normalos. Jeder hochanständige citoyen scheint hier eine Leiche im Keller zu haben. Normalität als Fassade des Grauens, Lüge als Schutz vor schmerzlicher Wahrheit.

Ein kleines Fischerdorf in der Bretagne, direkt am Meer gelegen. Der Himmel ist von einer hellblauen Unschuld, das Meer von einer tiefblauen Bedrohlichkeit. Tout en bleu. Wie Krzysztof Kieslowski in Drei Farben: Blau, dieser Hommage an die Freiheit, dem wohl schönsten Film mit Juliette Binoche, taucht Chabrol tief ein in das Spektrum der Königs-Farbe, die, so merkt er im Gespräch an, »laut Auskunft von Psychiatern die Farbe der déraison sei, der Unvernunft. Außerdem ist Blau sehr hübsch, hat also noch eine andere, eher ästhetische Funktion«.

Die Farbe der Lüge ist über weite Strecken ein Gemälde, ein Kaleidoskop aus Tableaus, gemalt von Chabrols Kameramann Eduardo Serra, der zuvor Das Leben ist ein Spiel fotographierte. Das ist neu bei Chabrol, daß er sich Zeit läßt, um in Ruhe in der Farbigkeit der Dinge zu schwelgen.

Die Farbe der Lüge. Und die Farbe des Lebens? Grün ist die Hoffnung, Rot die Liebe, der Lebenssaft auch. Doch im Film werden diese Farben weitgehend gemieden. Selbst die Kleidung des Personals – einmal abgesehen vom konservativ-schrulligen Habitus der Kommissarin Valeria Bruni-Tedeschi, mit ihren gelben Blusen und rosaroten Pullovern – ist in dunklen Farbtönen gehalten.

Eines der schönsten Bildtableaus zeigt Sandrine Bonnaire (Viviane), wie sie im dunkelblauen Samtkleid vor einem frischen Gemälde ihres Lebensgefährten Jacques Gamblin (René) steht: Viviane kommt gerade von einem Beinahe-Seitensprung zurück, und sie trägt die Farbe der Lüge, sieht sich zugleich mit einem anderen auf Renés Gemälde. Als ob René den Betrug erahnt hätte. Eine Einstellung voller Spiegelungen und Dopplungen.

Ursprünglich habe er seinen Film »La couleur du mensonge« nennen wollen, doch ein französischer Fernsehfilm war bereits mit diesem Titel besetzt, so daß Chabrol ihn kurzerhand in Au coeur du mensonge umbenennen mußte. So sehr deutsche Verleihtitel mitunter von dem originalen differieren, manches Mal auf dümmlichste Art und Weise, so sehr trifft Die Farbe der Lüge diesmal die von Chabrol anvisierte Variante: »Wir alle leben mit der Lüge. Die Welt ist nun einmal so. Ich zum Beispiel lüge permanent (schmunzelt unentwegt). Wenn bei mir zu Hause in Paris das Telefon läutet und wieder Leute dran sind, die mich nerven, gehe ich nicht ran und lasse ausrichten ich sei nicht da. Ich belüge also meine Mitwelt (lacht lauthals auf).«

Die Farbe der Lüge läßt die leise Hoffnung aufkeimen, daß Chabrol seinen Weg »back to the roots« konsequent weitergehen mag, daß er dorthin zurückkehrt, wo ihm einst jene filmischen Juwelen gelangen, für die wir ihn so schätzen: Im Mief der französischen Provinz, wo Der Schlachter zu Hause ist und Die Fantome des Hutmachers in Wahrheit tote ältere Damen sind. 1970-01-01 01:00

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