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Fantastic Four

USA/D 2004. R: Tim Story. B: Mark Frost, Michael France. K: Oliver Wood. S: William Hoy. M: John Ottman. P: Fox, Constantin Film, Marvel Enterprises, 1492. D: Ioan Gruffudd, Jessica Alba, Chris Evans, Michael Chiklis, Julian McMahon u.a.
Constantin ab 14.7.05

Laute Zeitverschwendung

Von Holger Liepelt Superhelden sind in. Die Comicverfilmung hat – zusammen mit dem Martial Arts-Film – dem klassischen Actionfilm den Rang abgelaufen. Ob das nun ehrlicher ist, weil die Taten der Altherren Schwarzenegger, Stallone und Willis eh übermenschlich waren, oder ob es daran liegt, daß man mit Superkräften auch Superspezialeffekte einbauen kann, ist letztlich egal. Die besseren Beispiele der aktuellen Welle wie Spider-Man oder die X-Men operieren mit spannenden Subtexten, um der Action ein wenig Substanz mit auf den Weg zu geben. Andere – wie Daredevil – kommen nicht über eine reine Actionverwertung der Möglichkeiten hinaus. Bernd Eichinger, der Produzenten-Hans Dampf solch unterschiedlicher Filme wie Der Untergang, Nirgendwo in Afrika, Der Schuh des Manitu oder Resident Evil, wollte den Trend nicht verpassen und wagt sich mit den Fantastic Four auf das eigentlich uramerikanische Terrain des Superheldengenres.

Auf einer Weltraumstation kommen vier Wissenschaftler und ihr Geldgeber mit dem kosmischen Sturm, den sie eigentlich hinter einem sicheren Schild verborgen untersuchen wollten, in Kontakt. Dieser verändert die DNS der Vier, so daß sie fortan genreüblich mit tollen Eigenschaften gesegnet sind: extreme Elastizität des Körpers, Unsichtbarkeit und Abschirmungskräfte, die Verwandlung in eine lebende Flamme und die Transformation in eine Kreatur aus Stein, verbunden mit ungeheuren Kräften. Das erinnert nicht von ungefähr an die »X-Men«: Auch die »Fantastic Four« werden aufgrund ihrer Abnormität zur Zwangsgemeinschaft, was aber nicht zu Ausgrenzung und rassistischem Haß führt, sondern schnell zu Heroisierung und Fangeschrei. Nach quälend langem Mittelteil, in dem die Vier in Klausur versuchen, ihre Veränderung rückgängig zu machen, akzeptieren sie ihr Schicksal und stellen sich dem Medieninteresse, den Fans und der Aufgabe, Verbrecher zu bekämpfen.

Die Beteiligten konnten sich nicht so recht entscheiden, was sie mit dem Stoff anfangen sollten: Folgt man den Musterschülern des Genres und läßt die Helden mit ihrem Schicksal ringen und hadern? Oder geht man den anderen Weg wie Blade, und dreht ein gefälliges Actionfeuerwerk mit allerlei flotten Sprüchen? Man entschied sich für einen Mittelweg, aber wie so oft wird Unentschlossenheit bestraft: Die Elemente heben sich gegenseitig auf. Deutlich wird das am »Ding«, der Steinkreatur: Anders als bei den anderen ist die Transformation dauerhaft sichtbar. Das monströse Aussehen, das enorme Gewicht und unförmig große Hände machen Alltagshandlungen wie trinken oder sitzen zu schwer zu meisternden akrobatischen Einlagen. Das Ding wird so zum gesellschaftlichen Außenseiter. Schönster Einfall zur Bebilderung der tragischen Komponente ist der Versuch, den von seiner Ehefrau weggeworfenen Ehering aufzuheben, seine riesigen Hände können den kleinen Ring aber nicht greifen. Leider hält das Mitgefühl nur bis zum nächsten zusammenbrechenden Stuhl oder zerspringenden Wasserglas, denn die zerstörerische Wirkung des Ding auf seine nähere Umgebung dient als Running Gag, nicht als Sinnbild tragischer Lebensunfähigkeit midasschen Ausmaßes. Wie unbekümmert die Filmemacher mit der immer mitschwingenden Belastung durch die Superkräfte umgehen, zeigt sich gegen Ende: Die Rückverwandlung des Ding in den Menschen könnte gelingen, schließlich wird aber großmütig darauf verzichtet, ist es doch bei der Verbrechensbekämpfung ganz praktisch, kugelsicher und megastark zu sein.

Dabei wäre es sogar ganz erfrischend gewesen, Superhelden zu sehen, die mal nicht mit verbiesterter Miene übellaunig Schurken jagen, weil sie ihr Anderssein verfluchen. Sondern Spaß an ihren Fähigkeiten haben. Die bei ihrer Jagd ganze Häuserblocks in Schutt und Asche legen und trotzdem umjubelt werden. Mit der »menschlichen Fackel« Johnny Storm versucht sich der Film in einem solchen Ansatz. Storm nimmt seine Fähigkeiten bei Motorradstuntshows zu Hilfe und jagt mithilfe einer wärmesuchenden Rakete eine ganze Insel in die Luft. Die Sorglosigkeit wird jedoch nicht völlig ausgespielt, zumal Storm ständig ermahnt wird, sich verantwortungsvoll zu benehmen.

Größtes Ärgernis bei Fantastic Four ist jedoch die unglaublich schlampige und lieblose Inszenierung. Mit »It's just a movie« wird so mancher Popcornfilm gleichermaßen vor intellektueller Vereinnahmung und überzogener Kritik in Schutz genommen. Wenn man diese Phrase jedoch als Einladung versteht, alle innere Logik fahren zu lassen, ist es mit dem Verständnis für kleinere Vergehen gegen den Sinn vorbei, denn es handelt sich hier nicht um charmante Goofs wie die Armbanduhr im Historienschinken. Inkonsistenz, Handlungslöcher, und nicht nachvollziehbare Szenenverläufe werden bewußt in Kauf genommen, um Actionszenen oder Dramatik einzubauen, manchmal sogar nur, weil man nicht weiß, wie man sonst den nächsten Plotpoint erreicht: Die Hauptquartiere von Helden und Schurken scheinen mit Wurmlöchern verbunden zu sein, so urplötzlich können die Figuren den Schauplatz wechseln.

Man hat eine riesige Maschinerie, die einen simulierten kosmischen Sturm wegen seiner enormen Energie bändigen muß, aber man kann wie bei einem Backofen eine Klappe öffnen und reinfassen. Man sieht das Verladen einer heiklen Fracht in einen Container, wichtig werden die Frachtpapiere übergeben, aber eine dramatische Kamerafahrt verrät, daß man bereits auf hoher See ist. Die Vier kommen nicht durch die Metallmassen einer Massenkarambolage auf einer Brücke, aber weil das »Invisible Girl« sich unsichtbar durchschlängelt, können die anderen auch nachkommen. Frauen rennen in Negligés auf die Strasse, Krankenhäuser stellen ihren Patienten Hubschrauber zu Verfügung, damit sie von diesen zum Skifahren abspringen können, Panzertüren haben elektronische Codeschlösser auf der einen, aber Klinken auf der anderen Seite. Dazu gesellen sich Dialoge aus der Seifenopernhölle, vorgetragen von Darstellern – zumindest teilweise – gleicher Herkunft.

Die offensichtliche Verachtung von Produktion und Regie für einen vermeintlich trivialen Stoff erstickt jegliche Sympathie für Film und Figuren im Keim. Dasselbe Schicksal erlitten schon die beiden Resident Evil-Verfilmungen, die ebenfalls von Eichinger produziert wurden. Bei allen drei Filmen ist zu beobachten, daß bestimmte Elemente des Actionfilms für so wesentlich gehalten wurden, daß deren Existenz alles andere vergessen läßt. Elemente wie, natürlich, viel Action, coole Oneliner und ein paar Gags. Aber was ist Action ohne Sinn und Verstand, was sind Oneliner, die von leeren Figurenhüllen vorgetragen werden?

Wer in Actionfilmen nur eine Marktnische sieht, die gefüllt werden muß, und kein Gefühl für die Elemente hat, die einen solchen Film über laute Zeitverschwendung hinausheben, soll die Finger davon lassen. 1970-01-01 01:00
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