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Fahrenheit 9/11

USA 2004. R,B: Michael Moore. K: Mike Desjalais. S: Kurt Engfehr. M: Jeff Gibbs. P: Dog Eat Dog, Wild Bunch.
110 Min. Falcom ab 29.7.04

Wahlkampfkunst

Von Oliver Baumgarten Es ist noch nie eine wirklich sinnvolle Frage gewesen und doch wird sie immer wieder mit Leidenschaft diskutiert: Kann Kunst die Welt verändern? Wer das in heutigen Zeiten noch ernsthaft bejahen wollte, ist schnell in die Ecke des naiven Träumers gedrängt. Der Filmemacher Michael Moore aber ist so einer. Schon in seinen früheren Filmen, wie etwa in The Big One, hatte er durchaus eine sehr konkrete Vorstellung davon, was er durch sein filmisches Schaffen bewirken wollte. So bemühte er sich etwa darum, Nike-Boss Phil Knight partout dahin zu bewegen, ein Werk in Moores Geburtsstadt Flint zu eröffnen und an anderer Stelle ein Gesetz zu lancieren, das Firmen generell verbietet, bei positiver Geschäftsbilanz Personal abzubauen – beides hat in The Big One noch nicht geklappt.

Doch schon dort hatte Moore 1997 seinen unverwechselbaren Stil aus investigativem Journalismus, populistischem Boulevard, Kabarett und lauter Aktionskunst entwickelt. Nun startete mit viel Tamtam Fahrenheit 9/11 in den USA mit Michael Moores mehrfach kolportiertem Ziel, mit seinem Film die Wiederwahl des US-Präsidenten George W. Bush zu verhindern. Das amtliche Zwischenergebnis: die Goldene Palme in Cannes nebst einhergehender Publicity und sensationelle 100 Mio. Dollar Einspiel in den USA. Sollte es etwa klappen, sollte die Kunst derart offensichtlich mithelfen können, Weltpolitik zu schreiben? Die beliebte Frage erhält spätestens am 2. November neuen Diskussionsstoff.

In Fahrenheit 9/11 kombiniert Moore in Erweiterung seiner Meisterschaft Bilder mit Off-Texten, Fakten mit Kommentaren und Meinungen mit Tatsachen. Perfekt montiert in Spannungsbögen und überlegt dosierten Emotionsmomenten baut Moore seine Thesen auf und verknüpft sie zu einem unterhaltenden und gleichwohl schockierenden Dossier über die Beziehungen der Bush-Administration zum Clan der bin-Ladens, den Öl-Multis, dem Nahen Osten, den Wurzeln des Terrors im allgemeinen. Enorm geschickt und ästhetisch auf hohem Niveau geht Moore vor, in dem er sich nicht scheut, auch Methoden der Yellow Press-Meinungsmache zu bedienen, um sich in einem Amerika Gehör zu verschaffen, das in seiner Breite komplexen Argumentationen im Kino sicher nicht ohne weiteres zugänglich wäre.

Was Moore in seinem Film zu erzählen hat, das ist gewiß nicht neu – wie er es erzählt hingegen, das erzielt Wirkung. Beispielsweise zeigt er die sattsam bekannten Bilder von George W. Bush, wie er am Morgen des 11. September eine Schulklasse besucht und plötzlich die Nachricht über die Geschehnisse in New York erhält. Jeder kennt diese Bilder, doch wie Moore mit ihnen umgeht, in welchen Kontext er sie setzt und wie er sie kommentiert, das läßt einen neuen Blick auf sie entstehen. Das ist natürlich völlig legitim, bleibt aber trotzdem manipulativ. So manipulativ wie jedes der Bilder ist, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben – mit einem entscheidenden Unterschied: Michael Moore hat weder im Vorfeld noch im Film selbst je einen Hehl daraus gemacht, welche Absichten er verfolgt. Insofern ist der – natürlich – aufgekommene Vorwurf der Propaganda in Bezug auf Fahrenheit 9/11 ein recht kraftloses Instrument der Kritik gegen Moore.

Gerade die emotionalen Effekte, der dramaturgische Aufbau und die Argumentationskette von Michael Moore zielen zweifelsfrei und eindeutig auf das US-amerikanische Publikum. Dadurch mag der Tenor mal zu laut und mal zu sentimental erscheinen, doch was bleibt, ist ein kraftvolles, pointiertes und überaus gelungenes filmisches Dokument gegenwärtiger US-amerikanischer Befindlichkeit. 1970-01-01 01:00
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