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Factotum

N/USA/D 2005. R,B: Bent Hamer. B: Jim Stark. K: John Christian Rosenlund. S: Pål Gengenbach. M: Kristin Asbjornsen. P: BulBul, Stark Sales, Pandora. D: Matt Dillon, Lili Taylor, Marisa Tomei, Fischer Stevens u.a.
93 Min. Pandora ab 8.12.05

Peeing in the Sink

Von Daniel Albers Im Vergleich zu ihm war der Dude aus The Big Lebowski ein erfolgreicher Karrierist und lebte abstinent. Die Rede ist von Henry Chinaski, seines Zeichens Schriftsteller, jedoch wie unlängst Miles Raymond in Sideways, ohne bisher eine einzige nennenswerte Veröffentlichung aufweisen zu können. Während letzterer sich jedoch wenigstens noch stilvoll in seiner Resignation erging, indem er seiner Alkoholsucht in Form von exzessiver, aber kenntnisreicher Weinverkostung frönte, ist es Chinaski egal, womit er sich zudröhnt – Hauptsache, er muß nicht zu viel über sein verkorkstes Leben nachdenken. So hangelt er sich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten und gefällt sich in seiner selbst entwickelten Rolle als verkanntes Genie, als das er sich sieht. Sich für jemanden oder etwas zu verbiegen – sei es eine Frau oder ein Job – liegt ihm ebenso fern wie das Eingeständnis, die Hilfe anderer gebrauchen zu können. Sehr gut verdeutlicht dies der Moment, in dem ihn sein Arbeitgeber in einer Gewürzgurkenfabrik aus lauter gutem Willen in sein Büro zitiert, ihm eine Zigarre anbietet und ihn einem ebenfalls anwesenden erfolgreichen Schriftsteller vorstellen will: Über die Begrüßung hinaus kommt Chinaski nicht ein Wort über die Lippen. Das Ergebnis: zwei Minuten voll Zigarrenqualm, gelangweilter bzw. irritierter Blicke und schließlich die erlösende Frage Chinaskis, ob er denn nun gehen dürfe.

Selbstbewußter und gleichzeitig resignierter als Matt Dillon hätte sich Charles Bukowski wohl nicht selbst spielen können – er, dessen Roman gleichen Namens als Vorlage zu Factotum diente und dessen Werk insgesamt stark autobiographisch geprägt ist. Der 1994 verstorbene Schriftsteller erschuf schon früh sein Alter ego, den »Künstler« Henry Chinaski, und erhielt es über einen Großteil seines Werks hinweg am Leben. Sicherlich nicht jedermanns Sache ist die sich bei der Betrachtung dieser Verfilmung zwangsläufig einstellende Erkenntnis, daß das einzig Künstlerische an der Hauptfigur ihre ebensolche Selbstbetrachtung ist. Wenig erfährt man über den eigentlichen Output, das literarische Schaffen des Losers. So drängt sich der Verdacht auf, daß auch nur wenig übrig bleibt, wenn man hinter die sorgsam aufgebaute Fassade schaut. Auch Bukowski selbst wird als Kultautor nur in dem Sinne verständlich, als daß er schlichtweg den Nerv besaß, sich selbst und sein eigenes, vom Suff bestimmtes Leben als Kunst zu verkaufen. So mögen dann auch Fans des Autors über die Umsetzung jubeln, dem unbedarften Betrachter jedoch bleibt beispielsweise bis zum Schluß schleierhaft, warum sich im Verlauf der Handlung gleich zwei Frauen (verkörpert von Marisa Tomei und vor allem Lili Taylor) an den respekt- und meist arbeitslosen Alkoholiker hängen und sich von ihm jede Rücksichtslosigkeit gefallen lassen.

Hamer läßt seinen Protagonisten dessen Gedankenwelt immer wieder aus dem Off vortragen, was zwar immerhin die Atmosphäre des Films verdichtet, nicht aber dazu beiträgt, daß sein Handeln besser nachzuvollziehen ist. Im Großen und Ganzen bleibt der Film eine Aneinanderreihung von Frauen-, Sauf- und Aushilfsjob-Episoden, die in schier endloser Wiederkehr immer wieder das Gleiche aussagen: »Sometimes you just have to pee in the sink« (Charles Bukowski) – also rein gar nichts, außer daß das Leben etwas nur mit Mühe und Not zu Überstehendes ist. So viel zur Schau gestelltes persönliches Elend nicht nur seitens der Hauptfigur, sondern seitens aller Figuren des Films dürfte außer den Bukowski-Fans nur diejenigen über die gesamte Filmlänge hinweg zur Heiterkeit animieren, die sich an der doch stark gegen ihr Image gecasteten Top-Schauspielerriege nicht sattsehen können. Allen anderen sei stattdessen oben genannter, ungleich witzigerer und auch hintergründigerer Sideways aus der Konserve empfohlen. 1970-01-01 01:00

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