— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das Experiment

D 2000. R: Oliver Hirschbiegel. B: Don Bohlinger, Christoph Darnstädt, Mario Giordano. K: Rainer Klausmann. M: Alexander Bubenheim. P: Senator. D: Moritz Bleibtreu, Maren Eggert, Christian Berkel, Andrea Sawatzki, Edgar Selge, Nicki von Tempelhoff u.a.
Senator ab 8.3.01

Aus Spiel wird Ernst

Von Matthias Grimm »Es ist doch nur eine Simulation, ein Spiel«, sagt der Undercover-Journalist Tarek (Moritz Bleibtreu). »Das ist das Problem an deiner Einstellung«, antwortet der Undercover-Soldat. »Es ist nie einfach nur ein Spiel.«

Tatsächlich ist Das Experiment zu Anfang ein ebensolches, ein Rollenspiel, mit Wärtern auf der einen, Gefangenen auf der anderen Seite. »Ihr sollt nicht Wärter spielen, ab jetzt seid ihr Wärter«, lautet die Anweisung der dritten Instanz, der Beobachter, und macht dabei schon zu Beginn deutlich, worum es geht: den Realitätsverlust, die Auflösung der eigenen Identität zugunsten einer aufgezwungen Opfer-Täter-Rolle.

14 Tage soll es dauern, nach bereits einer Nacht ist die Situation auf dem besten Wege, außer Kontrolle zu geraten. Grund dafür ist zunächst der Simulationscharakter, das Bewußtsein der »virtuellen Realität« und deren Unverwundbarkeit, die den Übermut der Gefangenen antizipiert, was wiederum die reactio der Wärter provoziert, deren Aufgabe es ist, sich Respekt zu verschaffen. Das Mittel dazu ist schnell gefunden: Demütigung, lautet die Devise, Bestrafung die notwendige Konsequenz. Nicht mehr weit entfernt liegt die Gewalt, und bald wird Machtdemonstration zum faschistoiden Selbstzweck. Nach und nach fallen die Hüllen aus Konvention und Moral, sozial konstituierter Humanismus weicht darwinistischer Animalität. Aus den Trümmern des Leviathan erhebt sich Hobbes' Lupus, der in seinem Anarchismus den Übermenschen, seinen Observator wie einst Zarathustra zerschlägt und dabei die Kontrolle über sein eigenes Selbst verliert.

Kaum etwas ist erschreckender als ein simples Spiel, das zum bitteren Ernst wird. Wie schnell und plausibel dies in Das Experiment vonstattengeht, ist faszinierend und abstoßend zugleich. Vor allem aber eine brillante Leistung von Regisseur Oliver Hirschbiegel, dem es gelingt, die klaustrophobische Enge des Zellenkomplexes und den emotionalen Zustand seiner Insassen durch geschickte Subjektivitätswechsel der Kamera darzustellen. Die klassische Kameraführung wechselt sich ab mit dem medial konstruierten Blick der Überwachungsmonitore, Einspielungen aus Interviewsituationen oder der rein personalen Spionkamera in Tareks High-Tech-Brille. Kaltes Neonlicht und bedrohliche Untersicht schaffen perspektivisch beklemmende Atmosphäre.

In raffiniert inszenierten Szenenübergängen wechselt Hirschbiegel Ort und Zeit, um so ein intelligentes Netz aus innertextuellen Bezügen zu spinnen. Auch die Tontechnik ist ein kleines Meisterwerk: Kaum ein Film nutzt die nicht-diegetische Geräuschebene auf solch ausgeklügelte Weise zur Wahrnehmungsmanipulation wie dieser. Plötzliche Stille legt sich über die Schreie, gefolgt von imaginären Geräuschen, Off-Stimmen aus anderen Zeitebenen schaffen indirekte Verweise auf die psychologische Verfassung der Personen. Schauspielerisch war Das Experiment eine Tour de Force, deren Ergebnis eine gesonderte Erwähnung jedes einzelnen Ensemblemitgliedes verdienen würde.

Wer noch immer glaubt, es sei doch nur Schau-Spiel, eine kinematographische Simulation, den verweist der Film auf das zugrundeliegende Stanford-Experiment von 1971, das einen ebenso zweifelhaften Ausgang nahm. Das Experiment jedoch ist über jeden Zweifel erhaben, als eines der bemerkenswertesten Projekte der deutschen Kinolandschaft seit langem. 1970-01-01 01:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap