— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Exit Wounds – Die Copjäger

Exit Wounds. USA 2001. R: Andrzej Bartkowiak. B: Ed Horowitz, Richard D'Ovidio. K: Glen Macpherson. S: Derek Brechin. M: Jeff Rona, Damon »Grease« Blackman. P: Joel Silver, Dan Cracchiolo. D: Steven Seagal, DMX, Isaiah Washington, Anthony Anderson, Michael Jai White, Tom Arnold u.a.
111 Min. Warner ab 3.5.01

Street-Warrior

Von Sascha Seiler Bei neueren Genre-Filmen wie Exit Wounds fällt insbesondere die Tendenz auf, Typisierungen von realen Charakteren in den Mittelpunkt der Darstellung zu setzen – wahrscheinlich, um der meist dürftigen Handlungsebene neben der technischen Perfektion noch eine weitere publikumswirksame Dimension hinzuzufügen.

Wenn ein mit ausreichend Street-Credibility ausgestatteter Rapper wie DMX zunächst mit der Rolle des Obergangsters und Drahtziehers in dieser verwickelten Geschichte um Korruption im Detroiter Polizeipräsidium bestückt wird, nur um kurz vor dem Showdown die Vorzeichen umzudrehen und das Klischee-Abziehbild zugunsten eines Images als aufrechter Kämper für urbane Gerechtigkeit zu zerstören, so impliziert der Drehbuchautor den Zuschauer als Komplizen bei oben erwähnter Typisierung. Denn zumindest in den USA ist DMX ein bekanntes Gesicht, das mit Sicherheit die intendierten Assoziationen im Kontext des Gangster-Raps beim Zuschauer evozieren wird. Der nahezu ausschließlich aus Rap und Hip Hop bestehende Soundtrack des Films fügt jener Assoziationskette ein weiteres Glied hinzu und der »Street-Warrior« übernimmt genau jene Rolle, die er sich auch in der Realität zu spielen selbst aufoktroyiert hat.

Doch hat man nicht schon oft das Medium Film als Umkehrung selbststilisierter Mini-Mythologien innerhalb der Rap- und HipHop-Community genutzt, bzw. die Codierung der Figuren genau dazu verwendet, die schließlich erzeugten Erwartungen zu unterminieren und den Protagonisten somit in einem anderen Kontext neu – sozusagen als unbeschriebenes Blatt – zu präsentieren? Erinnern wir uns an Ice-T – seinerseits der härteste aller Gangster-Rapper – als gejagter Obdachloser in Surviving the Game oder an seinen Kollegen Ice-Cube in Anaconda, ganz zu schweigen von 2pac in Gridlock'd.

Auch die von DMX gespielte Figur, die zwischen allen Fronten einen einsamen Krieg gegen den organisierten Drogenhandel führt, vor allem aber für seinen Bruder im Gefängnis kämpft, gibt sich kurz vor dem Showdown fast schon als ein ins Ghetto heimgekehrter Messiahs zu erkennen und kommt als geläuterter Rächer in genau jene Straßen zurück, die ihn ursprünglich zu einer Figur gemacht hatten, auf deren Image der Rapper DMX seine Karriere aufgebaut hat.

So gesehen ist die Rolle Steven Seagals in Exit Wounds mehr die eines ständig präsenten Komparsen, während seine Mitstreiter DMX und Anthony Anderson – als dicker, feiger, ewig plappernder und somit wohl als Witzbold konzipierter Kleinganove – versuchen, der Geschichte jene Street-Credibility zu geben, die in den letzten Jahren ein zwingendes Verkaufsargument geworden ist Als Folge dieses Spiels mit letztendlich unerfüllten Erwartungen bezüglich einer klaren Positionierung der Figuren in dem Rahmen, der den Zuschauer gerade aufgrund seiner Vorkenntnisse zu manipulieren versucht, steht am Ende des Films jedoch eine fast humane, aber altbekannte Botschaft: Man solle sich vom ersten Eindruck eines Menschen niemals täuschen lassen.

Während der Abspann des Films läuft, sitzen Anderson und der von Tom Arnold gespielte Gewaltfetischist in der von ihnen moderierten Talk Show und unterhalten sich detailliert über Masturbationspraktiken im Solarium. Als wäre das Publikum nicht präsent, versteigen sie sich immer mehr in ihr Thema, können sich aber nicht auf einen Konsens einigen. Ähnlich wie das Spiel mit der Typisierung der Figuren, besteht auch das Gespräch am Ende nur noch aus Worthülsen, die auf Bedeutungen hinweisen sollen, welche man längst als sinnentleerte Zeichen zu deuten gelernt hat, die aber dennoch in einem zuvor klar definierten gesellschaftlichen Kontext als Aussage funktionieren können. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap