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Exil

Exils. F 2004. R,B,P,M: Tony Gatlif. K: Céline Bozon. S: Monique Dartonne. M: Delphine Mantoulet. P: Princes, Pyramide Cofimage, Canal +. D: Romain Duris, Lubna Azabal, Leila Makhlouf, Habib Cheik u.a.
104 Min. Arsenal ab 26.1.05

Armut macht frei

Von Ekaterina Vassilieva-Ostrovskaja »In Paris gibt es alles. Aber nur, wenn du dafür zahlst«, – erklären Naïma und Zano ihren neuen algerischen Freunden, die vom Leben in der französischen Metropole träumen. Aber ohne Geld sehen alle Städte der Welt gleich aus: Aus dem Wohnungsfenster erblickt man lediglich das Panorama eines trostlosen Vorstadtviertels, und, da die Ausgehmöglichkeiten beschränkt sind, bleibt man die meiste Zeit sowieso in den eigenen vier Wänden, wo einem verständlicherweise schon die Decke auf den Kopf fällt. Die einzigen Formen des Ausbruchs, die sich Naïma und Zano noch leisten können, sind Musik und Sex.

Der plötzliche Vorschlag von Zano, nach Algerien zu reisen, steht am Ausgangspunkt der Geschichte und markiert gleichzeitig den Willen, dem eigenen Schicksal zu entfliehen und die in den Songs der Lieblingsband beschworene Freiheit einmal ganz bedingungslos auszuleben. Aber zugleich ist es auch die Reise »nach Hause«, zu den eigenen Wurzeln, denn die Familien der beiden Helden kommen ursprünglich aus Algerien. Was wie eine sozialkritische Milieustudie beginnt, geht weiter wie ein abenteuerliches Roadmovie, zumal Naïma und Zano nur mit leichtem Gepäck und fast ohne Mittel reisen, was zu zahlreichen (sowohl geplanten als auch ungeplanten) Zwischenstops und Umwegen führt. Parallel dazu wird auch ein psychologisches Drama angedeutet, denn die beiden Reisenden, die noch nicht lange zusammen sind, müssen sich unterwegs erst richtig kennenlernen, was nicht immer reibungslos funktioniert.

Der Filmemacher Tony Gatlif nimmt sich mit Exil viel vor, zieht aber kaum einen der interessanten Ansätze konsequent durch. Die experimentellen Kameraeinstellungen, die sich besonders zahlreich im ersten Drittel des Films finden, werden scheinbar beliebig angewandt und wechseln sich mit ganz konventionellen Aufnahmen ab, die dann doch überwiegen. Es mag schon sein, dass der Regisseur mit diesen stilistischen Unreimheiten und abgebrochenen Handlungssträngen eine Art filmische Entsprechung zu den Irrungen seiner Protagonisten suchte, die ebenfalls keinem stringenten Weg folgen. Aber sie gelangen schließlich trotz allem (zumindest geographisch gesehen) an ihr Ziel, was sich über die Geschichte, die zunehmend in die Belanglosigkeit abgleitet und selbst vor »unglaublichen Zufällen« keinen Halt macht, nur schwerlich behaupten läßt. Sogar die ausgedehnte, subjektiv gefilmte Trance-Szene am Ende des Films kann ihre mystische Sogwirkung in diesem Kontext nicht entfalten.

Exil entläßt uns mit der Erkenntnis der Vergeblichkeit jedes sozialen Aufbegehrens, das – in der Logik des Films – ohnehin nur dort entsteht, wo man mit sich innerlich unzufrieden ist. Wenn man aber zu dem eigenen (spirituellen) Ursprung findet, kann auch sofort das Nirwana eintreten. Die Armut erweist sich im Endeffekt als kein Hindernis zum Glück und wird vielmehr als eine Chance zur geistigen Erneuerung gesehen. Denn die Not macht anscheinend nicht nur erfinderisch, sondern auch lustig, sinnlich und frei. Die linke Symbolik in der Kleidung sowie die protestgeladenen Songtexte, die im Film erklingen, degradieren zur reinen Maskerade, derer man sich getrost entledigen kann, sobald man eine »richtige« Orientierung gewinnt. So endet Exil im naiven Eskapismus, was schließlich die Frage aufwirft, ob sich der ganze Weg überhaupt gelohnt hat. 1970-01-01 01:00
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