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Die Ewigkeit und ein Tag

Mia eoniotita ke mia mera. GR/F/I 1998. R,B: Theo Angelopoulos. K: Giorgos Arvanitis, Andreas Sinanos. S: Yannis Tsitsopoulos. D: Bruno Ganz, Isabelle Renaud, Achilleas Skevis, Despina Bebedeli u.a.
130 Min. Pegasos ab 28.1.99
Von Mark Stöhr Am Ende weiß man: Nur so kann dieser Film aufhören. Davor: eine Ewigkeit. Ewigkeit hat keine Dramaturgie, ein Tag 24 Stunden. Dazwischen bewegt sich Theo Angelopoulos' aktueller Film. Seine Erzählung vollzieht sich in Schüben, legt lange Verschnaufpausen ein, verliert sich im Niemandsland von allegorischen Fenstern und Erinnerungslandschaften, und plötzlich fängt die Uhr wieder an zu ticken, bis zur nächsten Auszeit.

In einer Szene stoppt der Protagonist mit seinem Wagen vor einer roten Ampel und bleibt dort stehen, auch als die Ampel schon lange auf Grün umgesprungen ist, bleibt dort die ganze Nacht, während die Ampel weiter ihre Farben durchzählt. Am nächsten Tag, nach einem ungeschriebenen Gesetz, startet der Wagen und fährt los, verläßt die Ewigkeit und kehrt zurück in die Zeitrechnung von Tag und Nacht.

Alexander, ein alternder Schriftsteller mit gewissem Ruhm, ist im Aufbruch. Mit welchem Ziel bleibt zuerst auch für ihn ungewiß. Die Fahrt in seinem abgewrackten Audi ist wie das Ausmessen neuer Lebens- und Gedankenräume. Er besucht zum letzten Mal das Haus am Meer, in dem er immer gewohnt hat, und findet dort einen Brief seiner verstorbenen Frau. Dieser beschreibt einen Sommertag vor dreißig Jahren und schickt Alexander auf eine Erinnerungsreise. Seine Imagination erträumt eine Festgesellschaft am Strand und ermöglicht ihm, mit den geladenen Gästen und vor allem seiner Frau zusammenzutreffen und sich und ihr zu erklären, warum er sein Leben als Schriftsteller und seine politische Arbeit ihrer gemeinsamen Liebe vorzog und sogar die Emigration nach Italien in Kauf nahm.

Diese selbstreflexiven Erinnerungsbewegungen treten immer wieder in Verbindung mit seiner realen Reise, in deren Verlauf er einen albanischen Flüchtlingsjungen kennenlernt. Die beiden Heimatlosen begleiten einander auf dem Weg zu einem Ort mit ungewissen Koordinaten, von dem nur feststeht, daß er für den einen in der Zukunft liegt und der andere ihn wiederfinden muß.

Über Die Ewigkeit und ein Tag liegt dichter Nebel, der die Bewegungen der Figuren, ihr Denken und Visionieren zuwuchert und am Fortschreiten hindert. Doch plötzlich blitzen hie und da Orientierungssplitter auf, die ein paar Meter Weges vor und nach dem Status Quo klären: Wenn Alexander beispielsweise wie selbstverständlich ein Erinnerungsfeld betritt, in der Gegenwart seiner Frau sein Alter vergißt, seine Zähne zwischen dem dicken Bart bleckt und die Beine fast tänzeln läßt. Da gewinnt auch der Film an Tempo und wird wie vom Flitzebogen in eine neue Richtung geschleudert, bis er wieder im Stillstand versackt, die Zweifel zurückkehren und Nebelwände Protagonisten wie Zuschauer einmauern. Bis zum nächsten Riß in der Ewigkeit, damit sie bestehen bleibt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #13.
© 2012, Schnitt Online

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