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Der ewige Gärtner

The Constant Gardener. GB/D 2005. R: Fernando Meirelles. B: Jeffrey Caine. K: Cesar Charlone. S: Claire Simpson. M: Alberto Iglesias. P: Focus Features u.a. D: Ralph Fiennes, Daniele Harford, Rachel Weisz, Danny Huston u.a.
128 Min. Kinowelt ab 12.1.06

Der afrikanische Patient

Von Sascha Seiler Fernando Meirelles hat ja mit Cidade de deus das geschafft, woran keiner mehr so recht geglaubt hat: einen Befreiungsschlag des lateinamerikanischen Kinos von seinem politischen Dogma, ohne unpolitisch zu werden. Natürlich fehlte es dem Film oberflächlich an Moral, und die Verweise auf Tarantino waren nicht nur offensichtlich, sondern zum Teil auch nervtötend. Dennoch gelang es Cidade de deus, der Welt die Augen für die Möglichkeiten zu öffnen, die im lateinamerikanischen Film schlummern, und den Regisseur in eine andere Liga zu katapultieren. Während also in Brasilien schwache Epigonenfilme wie O homem que copiava den Erfolg wieder etwas relativieren, begibt sich Meirelles ausgerechnet nach Afrika, um seinen ersten großen internationalen Film zu drehen. Und nicht nur das: Unter allen Angeboten, die auf seinem Tisch lagen, wählte er ausgerechnet die Verfilmung eines mäßigen Romans eines noch mäßigeren, in die Jahre gekommenen Schriftstellers aus: John Le Carrés »The Constant Gardener«.

Nun könnte man zynisch argumentieren, Meirelles habe die Armutsästhetik aus Cidade de deus nur nach Afrika transportiert; tatsächlich gleichen sich die Bilder der Armenghettos Brasiliens und Kenias doch ziemlich und die Massenszenen bleiben die optische Stärke des Brasilianers. Dennoch hat Der ewige Gärtner etwas, das sich dem Zuschauer erst im Laufe des Films erschließt, nämlich eine tiefe Seele, die aus dem Politthriller einen Liebesfilm und ein Psychogramm macht. Meirelles selbst sagte in einem Interview, er habe die spannenden Szenen aus dem Film herausgeschnitten, als er merkte, in welche Richtung sich der Thriller entwickelte. Ganz so ist es nicht, denn das Kunststück ist ja gerade, die Spannung auch ohne viel Mysterium und Action zu wahren.

Also ein Liebesfilm? Mitnichten, denn zu sehr überlagert die politische Handlung das Geschehen, zu sehr ist die weibliche Hauptfigur Tessa, deren Tod am Anfang des Films steht und deren Leben anhand von zahlreichen Rückblenden rekonstruiert wird, in ihren Idealismus verstrickt. Ein Psychogramm der von Ralph Fiennes subtil gespielten Titelfigur? Vielleicht, doch das Blumenzüchten, bei dem man den »ewigen Gärtner« stets beobachten kann, wirkt nicht wie eine Flucht, eher wie eine Entspannungsübung, und überhaupt: Was soll der Titel?

Vielleicht ist es ganz einfach so, daß der Gärtner die Rose geerntet hat und sie züchtet, sie jedoch in seinem Perfektionismus und seiner Güte verliert. Also muß er am Ende zurückkehren in den Garten Eden, wo ihn die Auftragskiller aber wahrscheinlich erst recht aufspüren werden, um ihn auf immer mit der Rose zu vereinen. Nebenbei wird die Geschichte um einen Pharmakonzern erzählt, der in Afrika unfreiwillige menschliche Probanden einsetzt und hierbei von hochrangigen britischen Regierungsvertretern gedeckt wird.

Also ein Rundumpaket: Spionagethriller mitsamt Explosionen und Hubschrauberfluchten, politisches Gutmenschenkino, das sich gegen die Ausbeutung der Dritten Welt richtet, Liebesfilm um eine tiefe, über den Tod hinaus reichende Bindung und das Psychogramm eines kleinen, unbedeutenden Menschen, der über sich selbst hinauswächst und versucht, aus der ihm eigenen Lethargie zu flüchten. Meisterhaft ist es allemal, wie es Meirelles gelingt, all diese Elemente miteinander zu verbinden und auf jeder der vier Ebenen einen Thriumph zu erzielen. Dazu kommt die Schönheit der Bilder, die sich gerade nicht mit Out of Africa-Klischees begnügen, sondern zumindest den Versuch unternehmen, ein einigermaßen realistisches Bild gesellschaftlicher Verhältnisse zu zeichnen. Nicht zuletzt aber zeichnet sich der Film durch das reduzierte Spiel von Ralph Fiennes aus, der ja parallel dazu den Lord Voldemort bei Harry Potter spielt und davon ganz unbeeindruckt auch noch schüchterner Pflanzenzüchter sein kann. 1970-01-01 01:00

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