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Evita

USA 1996. R,B: Alan Parker. B: Oliver Stone. K: Darius Khondji. S: Gerry Hambling. M: Andrew Lloyd Webber. D: Madonna, Antonio Banderas, Jonathan Pryce, Jimmy Nail u.a.
138 Min. UIP ab 9.1.97
Von Dirk Steinkühler Madonna war in ihren Filmen immer dann am besten, wenn sie entweder sich selber spielte oder singen durfte. Hervorragend besetzt war sie als eine Frühform des Girlies in Susan Seidelmans Susan… verzweifelt gesucht (1985) oder als neurotische Schauspielerin in Abel Ferraras Snake Eyes (1994). Stimmlich begeisterte Madonna vor allem ihre Fans als Nachtclubsängerin Mahoney in Dick Tracy (1990) oder als Glückwunschtelegramm in Blue in the Face (1995). Doch die meisten von Madonnas Anhängern hören lieber ihre CDs, als daß sie den Star auf der Leinwand bewundern, denn für eine großartige Schauspielerin hält sie kaum jemand. Herrlich selbstreferentiell beobachtet in Alan Parkers Evita ein Regisseur angesichts der mäßigen darstellerischen Leistungen der jungen Schauspielerin Eva Duarte die Filmaufnahmen für seinen Historienschinken äußerst mißmutig. Und vielleicht ist deshalb Madonnas neuer Versuch, Schauspielerei und Musik zu verbinden, so wunderbar geworden, weil sie in Evita erst gar nicht versucht, mit ambitionierter Schauspielkunst zu glänzen.

Denn eine Voraussetzung sollte eigentlich jedem klar sein: Hätte Alan Parker eine ernsthafte Lebenschronik über die argentinische Nationalheldin Eva Perón drehen wollen, hätte er mit Sicherheit nicht Andrew Lloyd Webbers Musical als Vorlage gewählt. Und Madonnas körperliche Ähnlichkeit mit der Präsidentengattin und die Möglichkeiten ihrer Stimme reichen für eine filmische Umsetzung völlig aus. So leugnet Parkers Film keinen Augenblick lang seinen Charakter als Musicalverfilmung.

In formaler Hinsicht läßt sich fast von einer Musical-Oper sprechen, da bis auf wenige gesprochene Bruchstücke über die gesamte Distanz gesungen wird und Evitas dramatischer Tod an Schlußszenen großer Opern erinnert. Die Darsteller agieren teilweise übertrieben theatralisch und mit großen Gesten, eine Komponente, die der Verfilmung eine ironische Note verleiht. Alan Parker inszeniert eine aufwendige Nummernrevue im rasanten Videoclipstil.

Augenscheinlich sind dabei die ästhetischen und kompositorischen Ähnlichkeiten seines Films mit den Musikvideos seiner Hauptdarstellerin. Madonna gelang es mit ihren Clips immer wieder, neue Ausdrucksformen zu erschaffen, indem sie Veränderungen der Zeit und ihrer Persönlichkeit mediengerecht einsetzte. Sie kreierte mit »Vogue« einen neuen Tanzstil und verarbeitete verschiedene Filmmaterialien zu kleinen, visuell brillanten Meisterwerken. Ihre letzten Videos »Take a Bow« und »You'll see« sind in warmen Brauntönen gehalten und bieten südländische Motive oder Aufnahmen von nassen Straßenzügen und kargen Landschaften, wie sie auch in Alan Parkers Film zu finden sind. Doch vor allem Madonnas Clip »Like a Prayer«, ein großartig inszeniertes Bühnenspektakel, ist das ideale Pendant zu Evita. Das Video schafft durch den geschickten Einsatz von Schnitt und verschiedenen Musikrhythmen eine hervorragende Verbindung von Tempo und Poesie, die auch Parker gekonnt umsetzt.

Alan Parker und sein Team können außerdem ihrer fast unerschöpflichen Phantasie freien Lauf lassen. Die Protagonisten präsentieren sich mit Tausenden von Statisten in ständig wechselnden Kostümen und perfekt gestalteten Kulissen. Zu den Höhepunkten des Films zählt die einzige gemeinsame Szene der beiden Stars Madonna und Antonio Banderas, der mit seiner Interpretation des Erzählers Che wie ein Cabaret-Conférencier durch die Revue führt. In dieser Traumsequenz tanzen Evita und Che einen melancholischen Tango in kontrastreichen Kulissen, die von einem akzentuiert ausgeleuchteten Ballsaal zum blutigen Ambiente eines Schlachthofes wechseln. Kleine musikalische Höhepunkte bieten die wiederkehrenden Ironisierungen, zu denen der Camp-Sänger Agustin Magaldi (Jimmy Nail) und der Chor der Männer oder der Privilegierten zählen. Doch nicht zuletzt Madonna und Banderas mit ihren markanten Stimmen sowie die zeitgemäßen Arrangements der Originalsongs komplettieren das visuelle Erlebnis zu einem Musikkunstwerk der Extravaganz (siehe auch Tonschnitt).

Natürlich mag Alan Parkers Evita, gerade wegen seiner musikalischen Komponenten, reine Geschmackssache sein. Ich habe mich jedenfalls bestens unterhalten, was andere versäumen, ist ihr Problem! 1970-01-01 01:00

Abdruck

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