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Europe – 99euro-films 2

D 2003. R: Benjamin Quabeck, Tony Baillargeat, Harry Kümel, Stephan Wagner, RP Kahl, Richard Stanley, Nacho Cerda, Ellen ten Damme, Xavery Zulawski. D: Lea Bosco, Heike Makatsch, Jessica Schwarz u.a.
95 Min. Independent Partners ab 28.8.03

Vereintes Europa

Von Oliver Baumgarten Es gab eine Zeit, da fand man in Europa zueinander. Gemeint ist natürlich weniger auf politischer oder sozialer als vielmehr auf kinematographischer Ebene. Künstlerisch in der Krise, aber fest entschlossen, finanziell noch einmal richtig abzuräumen, fanden sich zahlreiche altbewährte Produzenten und Filmemacher vornehmlich aus Frankreich, Italien, Spanien, England und Deutschland Anfang der 60er zusammen, um ein am Mainstream orientiertes, auf einem breiten europäischen Markt funktionierendes Filmprodukt zu kreieren. Und für eine kurze Zeit ging das Konzept auf: Eine Massenproduktion aus Italowestern, Krimis oder Agentenfilmen in europäischer Koproduktion reüssierte für einige Jahre an der Kinokasse. Künstlerisch allerdings überzeugte dabei bekanntlich Weniges. Man verwirklichte die Vision des europäischen Films eher auf ökonomischer denn auf filmsprachlicher Ebene. Immer wieder gab es danach kleine Versuche, den berüchtigten Pudding anzurühren, und mittlerweile kann man erfreut feststellen, daß sich über die Jahre hinweg feste Konstanten in der europäischen Koproduktionslandschaft zwischen einigen Produzenten gebildet haben. Die ökonomischen Grundlagen sind heute also z.T. gelegt, Differenzen der Kommunikation ausgeglichen, und mittlerweile gibt es sogar eine gemeinsame Währung (zumindest in 15 Ländern). Einen aus künstlerischer Sicht geeinten »Europäischen Film« gibt es natürlich nach wie vor nicht.

Die Fortsetzung des Projekts 99euro-films, das Produzent Torsten Neumann und der künstlerische Leiter RP Kahl 2001 auf dem Filmfest Oldenburg uraufführten, bietet den idealen Rahmen, um sich diesem Problem zu nähern. Wie schon im damaligen ersten Teil baten sie auch im neuen Europe unterschiedliche Regisseure, einen Kurzfilm zu produzieren, der nicht allein ein Budget von 99 Euro haben, sondern vor allem in kompletter künstlerischer Freiheit entstehen sollte. War die erste Kompilation aus zwölf Arbeiten deutscher Regisseure entstanden, luden die Produzenten nun neun Filmemacher aus acht unterschiedlichen europäischen Ländern ein, je einen Beitrag beizusteuern. So vereint Europe Filmsprachen aus acht Ländern, ohne sie zu verrühren. Sie stehen als Kurzfilme autark nebeneinander – und sind doch eins. Wie Europa eben.

Die charakterstarken Kurzfilme zeigen eine Vielfalt an Formen, reichen von Harry Kümels charmantem One-Shot-Lookalike Story of a Metamorphosis (Antwerpen) über Xavery Zulawskis surrealem Comic King of the Dwarfs (Warschau) bis zu Richard Stanleys düsterem Children of the Kingdom (London) oder Benjamin Quabecks fein geschnittenem Ich hab Musik dabei (Berlin). Dazu gibt's Poetisches von Tony Baillargeat (Paris) oder Rührendes in Ellen ten Dammes Regiedebüt (Amsterdam).

Als verbindende Klammer zwischen diesen acht Filmen aus den Metropolen fungiert RP Kahls Episode, die jeweils nach Ende eines Films fortgesetzt wird. Eine von Lea Bosco dargestellte Unbekannte reist quer durch Europa, und gleich am Beginn inszeniert sie Kahl, als sei sie geisterhaft dem Reich des Jenseits entstiegen, wenn sie wie eine Muse in flirrender Konzentration die Drehorte der Kurzfilme aufsucht. Kahl inszeniert sie als den Geist der Inspiration, der die Episoden in Beziehung setzt, und plötzlich scheint die so simple Antwort auf die Frage nach einer europäischen Kinematographie recht deutlich: Vielleicht ist es am Ende gar einzig das, was auch die Filmsprachen Europas künstlerisch miteinander zu verbinden vermag: der Geist, der kreative Spirit, mit dem europäische Geschichten zu erzählen wären.

Die neun Episoden von Europe setzen in einen spannenden Rahmen geschnürt fort, was bereits 99euro-films ausgezeichnet hat: Es sind Kurzfilme, die frei von sämtlichem Druck kommerzieller, inhaltlicher oder stilistischer Natur entstanden. Und das zu sehen ist erneut ein großes Vergnügen. 1970-01-01 01:00

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