— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Esmas Geheimnis

Grbavica. BIH/HR/A/D 2006. R,B: Jasmila Zbanic. K: Christine A. Maier. S: Niki Mossböck. M: Enes Zlatar. P: Coop99, Jadran, Deblokada u.a. D: Mirjana Karanovic, Luna Mijovic, Leon Lucev u.a.
90 Min. Ventura ab 6.7.06

Ein bosnischer Quilt

Von Arezou Khoschnam Wieviel Wahrheit können wir vertragen? In einigen Fällen ist sie so bitter, daß man sich nach der Erkenntnis fragen muß, ob es nicht besser gewesen wäre, weiterhin im weichgepolsterten Dunkel der Illusion zu tappen.

In der ersten Einstellung sieht der Zuschauer eine Gruppe von neben- und hintereinander sitzenden Frauen. Sie schweigen, haben ihre Augen geschlossen. Die dichte Figurenkomposition erweckt den Eindruck eines Flechtwerks. Die Kamera gleitet langsam von einem Gesicht zum anderen, fängt die Ruhe der Szenerie ein und zoomt behutsam heran, als Esma im Bild erscheint. Esma ist eine von vielen. Nur eines von vielen Opfern, die jeder Krieg, in diesem Fall der Bosnische Bürgerkrieg Anfang der 90er, hinterläßt.

Mit ihrem Augenaufschlag gewährt uns die Protagonistin Einblick in die Ruine ihres Lebens. Ihre pubertierende Tochter Sara ist das Ergebnis wiederholter Vergewaltigungen durch mehrere Soldaten. Die unerträgliche Wahrheit verheimlicht die aufopfernde Mutter vor ihrer Tochter und läßt sie in dem Glauben, bei ihrem Vater handele es sich um einen »Schechid«/»Shaheed«, einen Kriegshelden, der im Kampf für sein Vaterland gefallen ist. Dennoch ahnt die aufmüpfige und aggressive Sara, daß ihre Mutter nicht ehrlich zu ihr ist. Nach quälend bohrenden Fragen muß sie sich schließlich die Umstände ihrer Geburt anhören. Ebensowenig wie Sara überraschen diese den Zuschauer, der gleich zu Beginn die entsprechenden Hinweise erhält, die ihn auf die richtige Spur führen.

Die vorhersehbare Handlung ist aber keineswegs ein Schwachpunkt in dieser berührenden Inszenierung, denn um die Enthüllung von Esmas Geheimnis geht es hier nicht. Im Mittelpunkt steht ihr von vornherein verlorener Kampf gegen die Erinnerung, den Sara zu kämpfen nicht bereit ist. Esma lebt hinter einer Mauer des Schweigens, die Sara mit allen Mitteln zu brechen sucht. Mutter und Tochter werden zu Interessensgegnern. Die großen Narben auf Esmas Rücken und ihren Armen, sowie Sara als lebendes Mahnmal ihres Traumas bilden eine unbesiegbare Front gegen das Vergessen. Der Krieg hat sich einem Krebsgeschwür gleich ausgeweitet und unauffällig im familiären Mikrokosmos eingenistet. Offiziell ist er beendet, doch seine wirtschaftlichen Folgen sind allgegenwärtig. Wie schafft es Esma unter den gegebenen Umständen und vor dem Hintergrund ihrer tragischen Vergangenheit, ihren Lebenswillen zu erhalten und ihrer Tochter ein – so gut es geht – normales Dasein zu ermöglichen?

Jasmila Zbanic beantwortet diese Frage mit der allzu oft gebrauchten Formel »Liebe«, die sie als roten Faden durch ihren Film zieht, ohne dabei zu tief in die Zuckerdose zu greifen. Da ist zunächst das unerwartete Muttergefühl, das es Esma unmöglich macht, ihr Neugeborenes wegzugeben. Da ist die erste zaghafte Liebe zwischen zwei Teenagern, die in einer geschichtlich so vorbelasteten Stadt wie Sarajevo nicht viel anders verläuft als irgendwo sonst auch. Da ist die Verbundenheit mit der Heimat, die Esma daran hindert, es anderen gleich zu tun und in den Westen zu emigrieren. Und nicht zuletzt der familiäre Zusammenhalt, die Solidarität unter Freunden, kurz: die Nächstenliebe. Dieser Liebesform sind die rührendsten Szenen des Films zuzuordnen, etwa wenn Sabina ihre Kolleginnen in der Schuhfabrik einzeln um Geld bittet, um für ihre Freundin Esma die benötigte Summe aufzutreiben, oder wenn Esma an Sabinas Kleid weiternäht, kurz nachdem sie sich mit dieser gestritten hat. Das Leben nimmt sich selbst in die Hand, wir müssen uns dabei entscheiden, in welche Richtung es laufen soll.

Esma erscheint im Bild. Unter dicken Tränen, die ihr Gesicht runterlaufen, erzählt sie ihre Leidensgeschichte. Die Kamera entfernt sich langsam von ihr und erweitert den Blick des Zuschauers Stück für Stück um die anwesenden Frauen im Raum. Ihre Einzelschicksale fügen sich zu einem Strickmuster zusammen, dessen nationaler Charakter durch das am Schluß gesungene Lied »Sarajevo, my love« unterstrichen wird. Esma hat ihr Schweigen gebrochen, aber ein Leben in der Zukunft gewonnen.

In diesem Sinne ist Grbavica (ein Stadtteil Sarajevos) ein Plädoyer für das Leben, ohne zu beschönigen. Im Gegenteil: Der Krieg hat unübersehbare Spuren hinterlassen, vor deren Darstellung Zbanic nicht zurückschreckt. Sie nimmt sich die nötige Zeit, ihren Figuren näher zu kommen, tief zu graben und dabei unschöne Dinge an die Oberfläche zu bringen. Eindrucksvoll führt die Regisseurin in ihrem ersten Spielfilm das leichtfüßige Pendeln zwischen Tragik und Lebensbejahung vor, ohne dabei an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Neben der auffällig schlichten und unangestrengten Regie ist es vor allem die Hauptdarstellerin Mirjana Karanovic, deren mimische Ausdruckskraft dieses zu Recht auf der Berlinale mehrfach ausgezeichnete Filmjuwel fast unbemerkt in unsere Herzen trägt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap