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Escape From L.A.

USA 1996. R: John Carpenter. B: John Carpenter, Debra Hill, Kurt Russell. K: Gary B. Kibbe. D: Kurt Russell, A.J. Langer, Georges Corraface, Stacy Keach, Michelle Forbes, Cliff Robertson, Steve Buscemi, Peter Fonda u.a.
105 Min. UIP ab 31.10.96

I thought you were dead

Von Hasko Baumann John Carpenter hat mit Escape from L.A. eine Enttäuschung abgeliefert, die in den USA auch kommerziell versagte und seinen beinahe völlig zerstörten Ruf nicht mit dem gewünschten Comeback aufpolieren wird. Der Respekt John Carpenters vor seinem Meisterwerk Escape from N.Y. ist durchaus nachzuvollziehen, handelt es sich dabei doch um einen der besten Genre-Filme aller Zeiten; die Story-Parallelen der Fortsetzung sind jedoch derart frappant, daß beinahe von einem Remake gesprochen werden muß.

Das ändert aber nichts daran, daß der Film mehr Charme hat als alle anderen US-Knaller dieses Sommers und trotz der Verärgerung über die Einfallslosigkeit Carpenters mit einigen starken Szenen im Gedächtnis bleibt. Ich freue mich darauf, ihn wiederzusehen. Auf seine gescheiterte Art wächst Escape from L.A. ans Herz.

Nach der gelungenen Titelsequenz darf beruhigt festgestellt werden, daß Snake Plissken sich treu geblieben ist (seine ersten Worte sind die legendären »Call me Snake«) und von Kurt Russell immer noch absolut glaubwürdig und ultracool verkörpert wird. Beinahe ebenso schnell zeigt sich jedoch, daß sich die Grundstruktur des Vorgängers von 1981 genausowenig verändert hat.

Snake wird von der Polizei Straffreiheit garantiert, wenn er eine von der abtrünnigen Präsidententochter entwendete Superwaffe zurückbringt. Zu diesem Zweck muß er in das durch ein Erdbeben vom Festland abgetrennte L.A. eindringen, welches ausschließlich von »unerwünschten« Individuen bevölkert wird. Mit einem tödlichen Virus im Körper, der innerhalb von zehn Stunden zum Tod führt, wird Snake die Entscheidung abgenommen.

Man könnte den Ablauf des Originals als beinahe identische Folie auflegen. Schlimmer jedoch schmerzt das ständige Untergraben der an sich gelungenen düsteren Atmosphäre, die gerade auch den Vorgänger auszeichnete, durch Albernheiten, die so überzogen nicht hätten sein müssen und noch dazu entsetzlich schlecht getrickst sind.

Unglücklicherweise passen sich einige Mitglieder der illustren und ungewöhnlichen Besetzung diesem Prinzip »Unernst« an und verleihen dem Film eine Trash-Aura, die das bitterernste Original niemals aufkommen ließ. Erfreulich allerdings, wie gut die Frauen in Escape from L.A. abschneiden: Die höllisch attraktive Michelle Forbes ist als Keaches Assistentin so cool, daß sie am besten seine Rolle hätte spielen sollen; Valeria Giolino und A.J. Langer überzeugen ebenso wie die gute alte »Foxy Brown« Pam Grier.

Abgesehen von diesen schauspielerischen Glanznummern läßt der Film gelegentlich ahnen,was aus ihm hätte werden können: Als Plissken von Cuervos Männern in die Stadion-Arena geführt wird, kommt perfekt realisierte und beklemmende Endzeit-Atmosphäre auf, und als Kurt Russell durch einen Abwasserkanal aus der Stadt an die Küste gespült wird und dort Peter Fonda mit einem Surfbrett im Mondschein auf die nächste große Welle wartet, entwickelt der Film eine surreale Poesie, die erst am Ende wieder aufgegriffen wird.

Carpenter läßt dem enttäuschenden Showdown noch eine weitere, ungleich stillere Konfrontation folgen. Snake Plissken erhält die Chance zur Abrechnung mit seinen eiskalten Auftraggebern und dem faschistoiden, mittlerweile völlig ausgeklinkten Präsidenten. Snake vollführt seinen größten Trick in einer traumähnlichen, beängstigend dichten Schlußsequenz, die mit einem schönen Gag abschließt, der zeigt, daß Stacy Keach recht hatte, als er Russell zu Beginn neben dem technischen Equipment noch eine Schachtel Streichhölzer in die Hand drückte: »You never know when you need 'em.«

Zwischen der Horrorvision eines gelinde gesagt erzreaktionären, auf fundamentalistischem Christentum fußenden Amerika der Zukunft und gewaltgeilen, geistlosen Revoluzzern kennt die politische Naivität Carpenters also nur einen Ausweg: Die Coolness eines Helden wider Willen, eines Anarchos, der niemandem traut und zwischenmenschlichen Beziehungen scheinbar abgeschworen hat. Snake Plissken als letzte Instanz? Damit kann ich leben. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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