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Es bleibt in der Familie

It Runs in the Family. USA 2003. R: Fred Schepisi. K: Ian Baker. S: Kate Williams. P: Furthur Films u.a. D: Michael Douglas, Kirk Douglas, Rory Culkin, Cameron Douglas u.a.
109 Min. Buena Vista ab 2.10.03

Blut ist dicker als Wasser

Von Kirsten Reinhardt Es bleibt in der Familie – das kann man wohl sagen. Da findet sich also der halbe Douglas-Clan am Filmset ein, um uns zu erzählen, was in einer New Yorker Upper Class Familie so passiert. Einer New Yorker Familie nach dem 11. September, wohlgemerkt. Denn Familie ist jetzt wichtiger, bedeutsamer denn je. Man zieht sich ein wenig mehr zurück, auf sich und seine Lieben. So bewegt sich der Film zwischen den unterschiedlichen Tageswelten der Familienmitglieder und dem heimischen Nest in einem engen Kreis. Wahrheit und Fiktion vermischen sich durch den ungewöhnlichen Cast auf eigenartige Weise, und stärker als sonst im Kino begibt sich der Zuschauer in die Rolle des Voyeurs. Hat Micheal Douglas etwa ebenso an den Ansprüchen seines Übervaters zu leiden wie Alex Gromberg unter denen des Familienpatriarchen Mitchell? Ist Michaels Sohn Cameron ein ähnlich ungestüm-lebenslustiger Faulpelz wie Filmsohn Asher? Möglich.

Alex Gromberg ist »the man caught in the middle«. Zwischen Vater und Sohn, Familie und Beruf hangelt er sich durchs Leben und tritt gerne in das ein oder andere Fettnäpfchen. So begeht er den unverzeihlichen Fauxpas und vergißt den Slip einer Fast-Affäre in der Sakkotasche, in die seine Frau Rebecca prompt hineinfaßt. Daß es mit der Kommunikation hapert, wird nicht erst deutlich, als Rebecca das Corpus delicti tagelang mit sich herumträgt, bevor sie es zur Sprache bringt – obwohl die Grombergs eng zusammen leben, ist das miteinander Reden schwierig. Nach dem Ableben von Alex' Mutter ist Rebecca die einzige Frau im Männerclan. Und die Einzige, die einigermaßen Durchblick hat. Nun ja, abgesehen von Eli, dem Jüngsten – ein ernster, kleiner Mann von elf Jahren, der reifer wirkt als Opa, Papa und Bruder zusammen. Die Männer der Familie Gromberg erleben jeder für sich eine Art coming of age Geschichte. Mitchell ist mit seinen 86 Jahren spät dran. Ein zäher Kerl, gerade hat er einen Schlaganfall überstanden. So spricht er nuschelig, preßt die Sätze zwischen den Zähnen hervor und ist doch mehr denn je ein cooler Hund mit beißendem Humor. Nach dem Tod seiner Frau wird er hilfloser und auch weicher im Umgang mit seinem Sohn Alex.

In der Nacht der Nächte bestatten Mitchell und Alex Uncle Stephen – Kriegsveteran und Mitchells Bruder. Da eine ehrenhafte Seebestattung nicht drin ist, übergießen Vater und Sohn den Onkel kurzerhand mit Benzin und schicken ihn im brennenden Boot auf den Lake Winnipeg – sehr zur Freude der Bewohner der Seegrundstücke. Zeitgleich fliegt Asher bei einer Polizeirazzia im Studentenwohnheim auf – seine mittelgroße Marihuanaplantage wurde entdeckt. Man trifft sich auf dem Revier. In einem ganz anderen Teil der Stadt bekommt Eli seinen ersten Kuß, vom Klassengruftie mit Nasenpiercing.

Das sehr versöhnliche Ende entspricht dem Tonfall des gesamten Films. Wer tragische Schicksalsschläge oder wunderbare Absonderlichkeiten erwartet, wird enttäuscht. Was Jesse Wigutow und Fred Schepisi hier erzählen ist Alltag. Banaler Familienalltag mit durchaus erzählenswerten Momenten, doch ohne knalligen Anfang und faßbares Ende. Wie das Leben selbst, das nicht auf einen einzigen Höhepunkt – ein Happy End – hinausläuft, sondern in seiner Endlosdramaturgie immer darüber hinausgeht. Was uns Es bleibt in der Familie gibt, sind Momente des Lebens: witzig oder traurig, mal fürchterlich klischiert und mal eigenwillig. Wenn auch nie so eigenwillig, wie es uns andere Filmfamilien der letzten Zeit, etwa die Tenenbaums oder die Slocums, vorgelebt haben. Die Grombergs sind da eher altmodisch-naturalistisch. Es wird selten laut, und selbst Streit und Tränen bleiben schön im Rahmen. Fast statisch, wie die Familienfotos in den Bilderrahmen, die im Vorspann geradezu plakativ mit der Stadtkulisse New Yorks verschnitten werden. 1970-01-01 01:00
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