— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Es begab sich aber zu der Zeit

The Nativity Story. USA 2006. R: Catherine Hardwicke. B: Mike Rich. K: Elliot Davis. S: Robert K. Lambert, Stuart Levy. M: Mychael Danna. P: New Line Cinema. D: Keisha Castle-Hughes, Oscar Isaac, Hiam Abbas, Shaun Toub, Alexander Siddig, Ciarán Hinds, Shohreh Aghdashloo u.a.
90 Min. Warner ab 07.12.06
Von Thomas Warnecke Brüder und Schwestern…

…vorab einige Worte an diejenigen unter uns, die nicht an Fragen des Inhalts, sondern nur der Optik im weitesten Sinne interessiert sind: Wie töricht! Aber bitte: Es begab sich aber zu der Zeit… sieht vielleicht weniger kitschig aus als erwartet und ist mit seinen silbergrau (statt goldbraun) gefilterten Bildern spröde genug, ein wenig Aufmerksamkeit für seine Figuren zu wecken. Die gelegentlich digital in den Hintergrund geworfene Stadtansicht Jerusalems sieht aus wie lieblos gemalt, während oberstes Gestaltungsprinzip der Dorfszenen die Enge ist: Die Olivenhaine sehen aus wie eine Miniaturlandschaft spätmittelalterlicher Buchmaler, die steinernen Kulissen zeigen so schmale kleine Häuschen, daß ganz Nazareth es sicher mitbekommen hätte, wäre Joseph der Erzeuger Jesu gewesen und nicht der Heilige Geist, und die Kamera ist immer ganz dicht dran an den Gesichtern und nahe dabei in den Räumen. Die zur Auflockerung zwischengeschnittenen Actionszenen wie vorbeipreschende römische Soldaten oder die Durchquerung eines Flusses wissen ebenso wenig zu packen wie der Betlehemitische Kindermord erschrickt, der hier geradezu diskret im Halbdunkel vonstatten geht. Was sonstige Leistungen der Regie angeht, lassen diese sich unter dem Wort »betulich« zusammenfassen, in jeder Hinsicht fehlen dem Film Mut und Entschiedenheit.

Allen anderen möchte ich nun erzählen, worum es in Es begab sich aber zu der Zeit… wirklich geht, und dazu beginne ich mit einer kleinen Geschichte: Als Peppone einmal fünf große Kerzen stiftete, um für sein sterbenskrankes Kind zu bitten, wollte Don Camillo sie vor dem Kruzifix aufstellen. »Nein«, sagte Peppone da, »dieser da gehört eurer Partei an. Zünden Sie sie vor dieser dort an, die keine Politik macht.« Mit »dieser dort« meinte er die Statue der Mutter Gottes bzw. diese selbst, und wenn im Himmel Strichliste darüber geführt würde, vor wessen Bildnis am meisten Kerzen angezündet werden, so würde Maria ihren Sohn samt allen Engeln und Heiligen vermutlich um Längen schlagen. Deshalb ist es nur mit dem Blick aufs Weihnachtsgeschäft zu erklären, daß Catherine Hardwickes Film The Nativity Story heißt, anstatt mit ein, zwei Stunden mehr Länge, wie sich das für einen Bibelfilm gehört, ein vollständiges Marien-Bio-Pic zu liefern, denn um die Mutter Jesu geht es vor allem in den eineinhalb Stunden des Films, und angesichts der Marienverehrung in der internationalen katholischen Volksfrömmigkeit wäre das vielleicht auch ökonomisch die klügere, weil ganzjährige Vermarktung erlaubende Wahl gewesen.

So beschränkt sich Es begab sich aber zu der Zeit… auf das, was in zwei der vier Evangelien, nach Matthäus und nach Lukas (mit einigen inhaltlichen Abweichungen, während bei Markus und Johannes keine Silbe über die Kindheit Jesu verloren wird) als Kindheitsgeschichte überliefert ist – die Geburt Johannes des Täufers, die Sterndeuter aus dem Osten, Herodes, die Volkszählung, der Stall von Betlehem, die Flucht nach Ägypten und der Betlehemitische Kindermord – die wiederum eigentlich nur den Rahmen abgibt für eben ein zentrales Kapitel einer Marienbiographie.

Zwei Verkündigungen ergehen an ein junges Mädchen in Nazareth: Zunächst verkünden ihr ihre Eltern, daß sie Joseph heiraten werde, dann ein überbelichteter Mann im Olivenhain (der Erzengel Gabriel, der aussieht wie mit einer Digitalkamera mit zu geringem Kontrastumfang fotographiert), daß sie den Sohn Gottes zur Welt bringen werde. Das ist der interessanteste, eigentlich der einzig interessante Teil des Films.

So sehr sich nämlich Hardwicke und Drehbuchautor Mike Rich Anekdotisches ausdenken, um die biblischen Erzählungen noch etwas auszuschmücken und ein authentisches Alltagsbild im touristischen Sinne zu entwerfen suchen, so wird hier kein Jota geändert: Maria wird ohne Zutun eines Mannes schwanger, wenn man von dem Falken, der in Abwandlung der ikonographisch üblichen Taube (was uns das nun wieder sagen soll?) zwischengeschnitten wird, einmal absieht. Anders als Maria und Joseph vereinen sich hier Fundamentalismus und Feminismus und entwerfen ein Rollenbild, päpstlicher als das des Papstes: Die Frau pflanzt sich fort ohne den Mann, der auf die ihm angemessene Rolle als Kofferträger bzw. desjenigen, der den Esel aus dem Schlamm zieht, reduziert wird (wenigstens wird er nicht, wie ihn Almodóvars Volver, einfach umgebracht).

Oder ist Joseph nur das Wunschbild eines modernen Vaters nach Brigitte Zypries, die ja heimliche Vaterschaftstest mit Haftstrafen geahndet wissen wollte? Dann hätte der Film womöglich wenigstens seine Deutschlandpremiere im Bundesjustizministerium feiern können, während die Weltpremiere tatsächlich im Vatikan stattfand. Der Papst selbst war wegen der Vorbereitungen der seinerzeit noch bevorstehenden Türkeireise nicht anwesend, vielleicht aber auch deswegen, weil er genug von Film versteht, um zu wissen, daß bei Bibelverfilmungen häufig und bei der Kindheitsgeschichte noch häufiger entweder ungelenke oder kitschige Bilder herauskommen.

Aber bei der Vorstellung eines Saals voller Kleriker, die sich Es begab sich aber zu der Zeit… ansehen, fällt mir ein katholikeninterner Witz ein, in dem es darum geht, daß Vertreter verschiedener Ordensgemeinschaften im Stall von Betlehem vorsprechen – die Jesuiten etwa bitten darum, sich um die Ausbildung des Kleinen kümmern zu dürfen – und am Ende Mitglieder der besonders marientreuen Schönstatt-Bewegung ausrufen: »Daß der armen Frau das alles passieren mußte!« 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap