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Erste Ehe

D 2002. R,B: Isabelle Stever. K: Rali Raltschev. S: Vessela Martschewski, Frank Brummundt. M: Markus Fritsch, Martin Dean, Die Haut. P: dffb, Filmkombinat Nordost. D: Maria Simon, Nils Nelleßen, Marc Richter, Martin Reinhardt u.a.
92 Min. Movienet ab 10.7.03

Folterabend

Von Daniel Bickermann Man sollte nicht heiraten, wenn man noch knietief im Hormonflash watet. Eine alte Weisheit, nicht schwierig nachzuvollziehen. Isabelle Stever nun fühlt sich bemüßigt, hinzuzufügen, daß man ebenfalls nicht heiraten sollte, wenn man drogensüchtig, dumm und psychisch instabil ist und obendrein einen Hang zur körperlichen Gewalt gegen sich und andere hat.

Dorit und Alex, zwei Möchtegernkünstler mit schweren Egoproblemen, feiern mit einigen Freunden ihre Hochzeit in einer Mischung aus Hausparty und nuklearem Meltdown. Die durchaus sympathischen Partygäste müssen (ebenso wie das Publikum) stirnrunzelnd mitansehen, wie die beiden innerhalb von wenigen Sätzen von Autoaggression zu Partnerhaß zu Selbstmord zu Liebe zu Gewalt und wieder zurück springen. Ihre Streitereien gehören dabei zu den ärgerlichsten und befremdlichsten Dialogen, die man derzeit auf der Leinwand erleben darf. Sie zielen auf Konfrontation um jeden Preis, ohne Motivation, ohne Rhythmus, ohne Sinn. Maria Simon und Nils Nelleßen kämpfen mit Händen und Füßen, können die irritierenden Gefühlschwankungen und Emotionsexzesse des Drehbuchs aber auch nicht glaubhafter machen. Zu keinem Zeitpunkt wird klar, was diese beiden Figuren eigentlich voneinander wollen.

Der Film wird in Einheit von Zeit, Ort und Handlung als ein modernes Kammerspiel dargestellt und soll wohl das Wer hat Angst vor Virginia Woolf der Post-Yuppie-Generation sein, gegenseitige öffentliche Bloßstellung vor den Gästen inklusive. Schade nur, daß die hier porträtierten verzogenen Wohlstandswitzfiguren (der angebliche Klassenunterschied zwischen ihnen ist eine der frappierendsten Lachhaftigkeiten des Drehbuchs) im Gegensatz zu den Figuren Albees eigentlich gar keine Probleme haben, keine Abgründe und keine Geheimnisse. Ein Geldproblem vielleicht und ein Drogenproblem auf jeden Fall und ein psychologisches Problem allem Anschein nach auch. Aber bestimmt kein Beziehungsproblem. Dazu müßten die beiden eine Beziehung haben. Oder Motive. Oder irgendetwas, was den Zuschauer interessieren könnte.

Statt dessen sehen wir zwei nervtötende Egomanen mit der Aufmerksamkeitsspanne von Kleinkindern, der Intelligenz von Nagetieren und der emotionalen Stabilität von Serienmördern. Zwei degenerierte Freaks, die keinerlei Hemmschwelle zur körperlichen Gewalt haben, kiloweise Drogen schnupfen, rauchen und schlucken, das ganze auf Ex mit Wodka kippen und dann eine Party geben, auf der sie wichtige Investoren erwarten. Kennen wir solche Leute? Sollen wir mit solchen Leuten mitleiden, Gefühle für sie entwickeln?

Nach drei Minuten ist jedem Anwesenden klar, daß diese beiden sich entweder umbringen sollten oder verlassen. Eine halbe Stunde und einige ebenso ärgerliche wie unmotivierte Strip- und Musikeinlagen später betet man, das Brautpaar möge sich doch nun endlich für eine dieser Optionen entscheiden. Dummerweise müssen die Protagonisten uns Zuschauer ebenso wie ihre unschuldigen Partygäste quälende 90 Minuten lang mit ihren Peinlichkeiten nerven, bevor sie dann endlich auseinandergehen. Und nachdem das endlich überstanden scheint und der Mann die Wohnung verläßt, meint die eine Hälfte der überraschend mitfühlenden Partygäste tröstend: »Der kommt bestimmt wieder«. Die anderen scheinen ernsthaft überrascht, daß diese schöne Beziehung nicht funktioniert hat. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt, und die Dummheit stirbt nie. 1970-01-01 01:00
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