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Ernst sein ist alles

The Importance of Being Earnest. USA/GB 2002. R,B: Oliver Parker. K: Tony Pierce-Roberts. S: Guy Bensley. M: Charlie Mole. P: Miramax, Fragile Film, Canal+ u.a. D: Rupert Everett, Colin Firth, Reese Witherspoon, Judi Dench, Frances O'Connor u.a.
97 Min. Concorde ab 12.9.02

Wilder than Wilde

Von Annika Höppner England um 1885. Zwei charmante Gentlemen perfektionieren die Kunst der Notlügen, um sich ein überaus luxuriöses und sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Angefangen mit der nonchalanten Lösung ihres Finanzproblems – »ich pflege nie im Sheraton zu zahlen« – bis zum Erfinden von invaliden Freunden, die immer gerade dann Hilfe brauchen, wenn andere Verpflichtungen rufen, entsteht ein ganzes Dickicht von Ausreden. Jack Worthings (Colin Firth) Erfindung ist sein liederlicher Bruder Ernst, der seiner moralischen Führung bedarf und in der Stadt lebt. So entkommt Jack dem langweiligen, ernsthaften Landleben, und amüsiert sich ohne Folgen in der Stadt. Algernon (Rupert Everett) hingegen sorgt sich ständig um den armen Bunbury, seinen todkranken Freund, der ihn so von seiner überaus herrischen Tante und von fürchterlich langweiligen Dinners retten soll.

Oliver Parker hat Oscar Wildes Meisterwerk »The Importance of Being Earnest«, hierzulande bekannt als »Bunbury«, in einen geistreichen Film umgesetzt. Dabei hat er die weniger bekannte Vierakter-Version verwendet, so daß auch eingefleischten Oscar Wilde-Fans etwas Neues geboten wird. Parker hält sich eng an Wildes Dialoge, die vor Witz und Scharfsinnigkeit sprühen und bindet sie in eben solche Bilder ein. Auch schauspielerisch werden Hochleistungen erbracht. Absurditäten und Spitzfindigkeiten, Arroganz und Oberflächlichkeiten werden mit herrlich ungerührt arrogantem Gesichtsausdruck vorgebracht. Jeder Satz ist wohlüberlegt, die Wortspiele lassen das Sprachgenie Wilde erkennen. Gerade aus der scharfsinnigen Sprache entsteht der Witz, der allerdings in der deutschen Synchronisation verliert, zu mal »earnest« nicht mit »ernst«, sondern »Aufrichtigkeit« gleichzusetzen ist.

Ernsthaft wird einem vorgeführt, daß ein Name die Attraktivität eines Mannes steigern könne, insbesondere wenn sich die Dame diesen schon auf ihr Gesäß hat tätowieren lassen. Des weiteren scheitern potentielle Ehen an der niederen Herkunft des Heiratswilligen, wenn sich die zukünftigen Schwiegereltern als »Victoria Railway Station« entpuppen. Wilde zufolge beinhaltet sein Stück die Philosophie, daß man alles Triviale mit großem Ernst und alles Ernste mit schrankenloser und kunstvoller Trivialität behandeln solle. So nimmt er mit The Importance of Being Earnest die englische High Society der vorletzten Jahrhundertwende auf die Schippe. Parker hat es verstanden, dieses exzellent umzusetzen.

So werden die romantischen Mädchenträume Cecilys (Reese Witherspoon) absolut kitschig mit fürchterlich kostümierten Personen, Zeitlupenbewegung und weicher, märchenhafter Beleuchtung gezeigt. Der Zuschauer könnte nun abgeschreckt sein, würde Paker sich hier nicht über sich selbst lustig machen: Algernon, Zentralfigur in Cecilys romantischen Träumen, findet sich plötzlich in einer glänzenden Ritterrüstung, umgeben von Waldfeen wieder und ist von dieser aufgezwungenen Kostümierung nicht gerade begeistert. Auch Algernons Tante Lady Bracknell (Judi Dench) verspottet sich selber und karikiert vortrefflich die strengen britischen Gesellschaftsregeln, die nur durch Geld zurecht gebogen werden. Durch die Bilder, die Parker findet, wird das Stück noch mehr zur Parodie. Ernst ist hier wirklich nichts gemeint! 1970-01-01 01:00
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