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Erklärt Pereira

Sostiene Pereira. I/F 1995. R: Roberto Faenza. B: Roberto Faenza, Sergio Vecchio, Antonio Tabucchi. K: Blasco Giurato. S: Ruggero Mastroianni. M: Ennio Morricone. P: Jean Vigo International, K.G. Produktion. D: Marcello Mastroianni, Joaquim de Almeida, Daniel Auteuil, Nicoletta Braschi, Stefano Dionisi u.a.
104 Min. Schwarzweiß ab 10.9.98
Von Markus Fritsch Filmen heißt, dem Tod bei der Arbeit zuzuschauen, sagte einst Truffaut. Marcello Mastroianni in der Rolle des Redakteurs Pereira wiederzusehen bedeutet Abschied nehmen, denn der Tod hat seine Arbeit bereits vollendet. Der vor drei Jahren gedrehte Film Sostienne Pereira kommt nun unter dem selten dämlichen Titel Erklärt Pereira (??!) in die deutschen Kinos.

Pereira ist ein alter, unpolitischer Kulturredakteur der Stadtzeitung Lisboa in Lissabon im Jahre 1938. Bedingt durch den Tod seiner Frau und sein fortgeschrittenes Alter beginnt er trotz der heißen Sommertage an den Tod zu denken. Er beauftragt den jungen Künstler Rossi Nachrufe über wichtige kulturelle Persönlichkeiten zu schreiben, schon bevor diese gestorben sind.

Anstelle der sonst üblichen Nachrufe liefert Rossi (Stefano Dionisi) ihm politische Pamphlete mit allzu deutlichen Anspielungen auf die politische Situation. Es ist die Zeit des Faschismus und der Diktaturen in Europa: Hitler, Mussolini, Franco und in Portugal Salazar. Die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger und politischer Gegner in der Öffentlichkeit werden immer offensichtlicher. Rossi und seine jüdische Freundin Marta (Nicoletta Braschi) werden zu willkürlich Verfolgten und für Pereira gilt es Farbe zu bekennen. . .

Doch der Film ist kein lauter Film, der erst das inszenieren muß, was kritisiert werden soll. Anstelle lauter militärischer Aufmärsche und Folterszenen sehen wir den Wandel der Gesellschaft aus einer leisen subjektiven Sicht in alltäglichen Situationen. Am Strand, der von einem Bademeister und einem Hund bewacht wird, leiht sich Pereira einen Badeanzug, der ihm zu groß ist. Er schwimmt auf das Meer hinaus und klammert sich mit letzter Kraft an eine Rettungsboje. Schließlich wird er am Hinterkopf von einem Ball getroffen und taucht unter Wasser. Als er noch benommen an die Oberfläche zurückkommt, schaut er in aufgerissene und verzerrte Männergesichter, die ihn anbrüllen. Entkräftet versucht er den Ball zurückzuwerfen – eine einfache Szene mit großer dramaturgischer Wirkung.

Mastroianni schafft es immer wieder durch seine zurückhaltende Spielweise den Eindruck zu vermitteln, als spiegele sich die ganze Handlung des Films nur in seinem Gesicht wieder. Diese Projektion findet jedoch nur in unseren Köpfen statt, und Mastroianni selbst sagte, er hätte mit Pereira genauso viel gemeinsam wie mit Hamlet oder Heinrich IV. Für ihn waren alle Schauspieler große Lügner und er selbst war einer der ganz Großen auf der Leinwand. Marcello Mastroianni wäre am 28. September 75 Jahre geworden, er starb letzten Dezember in Paris. In einem seiner letzten Interviews antwortete er auf eine Frage über das Altern: »Man glaubt, weise zu werden. Stattdessen wird man nur müde. Aber warum bin ich jetzt so düster geworden?« – Ciao Marcello Mastroianni. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #12.
© 2012, Schnitt Online

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