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Erin Brockovich

USA 2000. R: Steven Soderbergh. B: Susannah Grant. K: Ed Lachman. S: Anne V. Coates. M: Thomas Newman. P: Jersey, Columbia, Universal. D: Julia Roberts, Albert Finney, Aaron Eckhart, Marg Helgenberger, Peter Coyote u.a.
137 Min. Columbia ab 6.4.00
Von Hans Schifferle Vielleicht ist Erin Brockovich der erste richtige Hollywoodfilm von Steven Soderbergh. Und wahrscheinlich ist er einer seiner bisher besten Filme. Soderbergh, der sonst gerne experimentiert, gleicht hier einem avantgardistischen Maler, der plötzlich ein gegenständliches Bild malt, das aber voller Geheimnisse und Subtilitäten steckt. Erin Brockovich ist nämlich ein Hollywoodfilm, der auf feine Weise mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Gleich am Anfang knallt ein Auto mit unglaublicher Wucht in Julia Roberts' Wagen. Man zuckt erschrocken zusammen bei diesem Unfall, der uns zeigt, daß sich im Leben alles schlagartig ändern kann. Wenn sich schließlich in diesem Film, der auf einer wahren Geschichte beruht, vieles zum Guten wendet, bleibt der Unfall dennoch im Hinterkopf.

Erin Brockovich ist gewissermaßen ein Thriller des Optimismus. Selten habe ich mich in letzter Zeit so nach einem Happy End gesehnt wie in Soderberghs neuem Film. Das liegt natürlich auch an den von Soderbergh und der Drehbuchautorin Susannah Grant genau und liebevoll gezeichneten Figuren. Denn Erin Brockovich ist nicht nur Justizdrama, Frauenfilm und Komödie, sondern vor allem ein Tableau wundervoller Charaktere. Julia Roberts gibt die Titelheldin, eine alleinerziehende Mutter von drei kleinen Kindern. Sie ist ein schöner Loser in High Heels, Minirock und Pushup-BH, tough und verletzlich zugleich. Vor langer Zeit war sie in der Kleinstadt, aus der sie stammt, eine Schönheitskönigin mit Idealen. Und noch hat sie, die ramponierte Queen, ihre Träume von einer besseren Welt nicht ganz aufgegeben. Das Portrait einer Working-Class-Heldin im sonnendurchfluteten Wasteland südkalifornischer Vorstädte zeichnet Julia Roberts, und sie nimmt dabei Anleihen bei den großen Screwball-Komödiantinnen der 30er wie Carole Lombard oder Jean Arthur.

Der große, alte Albert Finney mimt den Anwalt Ed Masry, bei dem Erin arbeitet – nach Terence Stamp und Peter Fonda (in The Limey) abermals eine Sixties-Wiederentdeckung von Soderbergh. Finneys Masry ist ein gealterter Advokat, der sich eine anständige, wenn auch chaotische Kanzlei aufgebaut hat, wo er im Büro gern mal Telefonsexgespräche führt. Im Grunde ist er schon auch ein desillusionierter Mann. Vielleicht ist er früher mal ein richtiger Petrocelli gewesen. Wie sich nun die beiden Underdogs Ed und Erin zusammenraufen, wie sie gemeinsam mit Geschick und Frechheit, Kalkül und Passion einen Rechtsstreit führen gegen einen übergroßen Kraftwerksbetreiber, der eine verheerende Umweltkatastrophe verursacht hat: Das ist packend, herzergreifend und auch komisch, ohne den Ernst des Themas außer acht zu lassen. Eine David-und-Goliath-Geschichte neu zu erzählen mit behutsamen Stilmitteln, dazu gehört erstaunliches Können.

Die dritte Hauptrolle gehört Aaron Eckhart, der bisher hauptsächlich Fieslinge und Schnösel gespielt hat. Hier stellt er recht authentisch einen sympathischen Harley-Biker dar, der auf Erins Kinder aufpaßt und schließlich ihr Lover wird. Diese schöne Beziehung zwischen Erin und dem Biker ist freilich auch die Umdrehung der Story vom besessen arbeitenden Mann und der vernachlässigten Frau. Dennoch zeigt Soderbergh auf eindringliche Weise, daß Privatleben und Beruf immer eins sind in Erins Leben. Weil sie sich einfühlen kann in die schweren Schicksale der einfachen Menschen, die geschädigt wurden durch die Umweltvergiftung, treibt sie den Fall erfolgreich voran. Ein Typ in der großen Zahl ihrer Klienten fällt auf. Er wird von Tracey Walter gespielt, dem Charakterdarsteller von Verlierern und schmierigen Kerlen. Man weiß nicht, ob er ein Opfer ist oder ein Verderber. Er scheint Erin zu verfolgen wie ein böses Phantom. Wie festgestellt: Erin Brockovich ist ein Film, der mit Erwartungen spielt, denen der Figuren und denen der Zuschauer. Soderbergh, der sich von den Filmen der 30er (Depressionskomödien) und der 60er (Rebellenfilme) hat inspirieren lassen, gibt einem jedenfalls den Glauben an Hollywood wieder. Als ich das Kino verließ, dachte ich: »It's a wonderful life!« 1970-01-01 01:00

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