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Die Erde von oben

La Terre vue du ciel. F 2004. R,B: Renaud Delourme. B: Patrick Vanetti. K: Daniel Marchetti.. M: Armand Amar. P: Montparnasse Prod., Altitude.
99 Min. Stardust ab 14.9.06

Eine Diashow mit Moral

Von Nikita Braguinski Man könnte meinen: Warum muß man sich Bilder von der Erde im Kino anschauen, wenn man doch im Internet hochauflösende Satellitenaufnahmen des ganzen Planeten hat, dazu noch kostenlos? Die Antwort ist einfach: weil Die Erde von oben eben nicht aus gesichtslosen Satellitenbildern gemacht wurde, sondern aus spektakulären, persönlichen und höchst subjektiven Bildern des Star-Luftbildfotographen Yann Arthus-Bertrand.

Da zieht eine Karawane durch eine endlose orangefarbene Wüste, hier formen sich seltsam gekrümmte Flüsse und Felder zu einem knallbunten, jedoch kontrollierten Chaos. Die Fotographien von Arthus-Bertrand entfalten in einem Album oder in einer Ausstellung eine meditative Magie, der man sich kaum entziehen kann. Aber leider nicht im 67 Minuten langen Werk von Renaud Delourme. Das Format ist leicht zu beschreiben: Die Kamera fährt langsam über die Oberfläche der Fotographie, im Hintergrund findet ein lehrreiches Gespräch zwischen Vater und Sohn statt. Durch pathetische und/oder exotische Musik untermalt, wird zum nächsten Foto übergeblendet. Durch diese doch sehr einfache Vorgehensweise fühlt man sich schnell an Schulfernsehen erinnert, und die naiv fragende Kinderstimme macht das Ganze fast vollends zu einer für Erwachsene schwer erträglichen Moralvorlesung.

Und wenn man von einer Moralvorlesung spricht, dann ist oft auch Mystik, Transzendenz und überhaupt Spiritualität jeder Art nicht weit. So auch im Falle des besprochenen Films: Die Erde von oben gliedert sich in sieben Kapitel, die so symbolträchtige Namen haben wie »Genesis« und »Babel«. Offenbar sollen auch die atemberaubenden Aufnahmen von Landschaften zur leicht religiös angehauchten Stimmung beitragen, indem sie als Hinweis auf eine jenseitige Kraft fungieren, die das Ganze gestaltet hat. Leider übersieht man auf diese Weise leicht den Umstand, daß hinter den Bildern vor allem der Fotograph steht, der den Standpunkt, die Lichtverhältnisse und noch vieles mehr bestimmt hat, und erst an der zweiten Stelle eine wie auch immer geartete übernatürliche Kraft.

In einem Gespräch über seinen Film sagt der Regisseur Renaud Delourme: »Es war mir wichtig, im Film nicht zu viel zu sagen. Ich wollte zum Nachdenken anregen … Man darf nicht im Kopf des Zuschauers auf einer Botschaft herumreiten.« Wie so oft im Leben, gingen auch im Fall von Die Erde von oben Wunsch und Realität weit auseinander. Die Botschaft ist zwar diffus, aber überpräsent. Jede Einstellung, jeder wuchtige Donnerschlag und jede mit piepsiger Stimme in den Raum gestellte Frage sagt uns pathetisch: »Die Erde ist kostbar, wunderbar«. Nun, daran hat bestimmt auch vor diesem Film niemand im Ernst gezweifelt. Eine kritische Auseinandersetzung mit Umweltverschmutzung, Ausbeutung und Krieg liefert Die Erde von oben jedoch nicht. Genau genommen kann der Film es auch gar nicht, denn die Fotographien, aus denen er gemacht wurde, sind dafür einfach viel zu leicht, verspielt und viel, viel zu schön. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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