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Epsteins Nacht

D 2001. R: Urs Egger. B: Jens Urban. K: Lukas Strebel. S: Hans Funck. P: MTM, Constantin. D: Mario Adorf, Bruno Ganz, Günter Lamprecht, Otto Tausig, Annie Girardot, Nina Hoss u.a.
85 Min. Constantin ab 7.11.02

Neues von gestern

Von Thomas Warnecke So beginnt sentimentales Kino: Der alte Mann, der nach langer Zeit in seine leere Wohnung zurückkehrt, die Nachbarin im Treppenhaus, die ihn nicht gleich wiedererkennt, der verstaubte Hut, der noch an der Garderobe hängt. Dazu der passende Ton: Die Dielen knarzen unter jedem behutsamen Schritt, das Papier der alten Fotographien raschelt. In dem Moment kommt unweigerlich die erste Rückblende. Und dann steht eine alte Frau im Zimmer, die wiederum der alte Mann nicht gleich erkennt, weil er sie, seitdem er dem KZ Birkenau entkommen ist, für tot gehalten hat. Schnitt, Einblendung: »Zehn Jahre früher«.

Jens Urban hat ein wasserdichtes Drama geschrieben vom alten Mann Jochen Epstein, der sich noch einmal daran erinnert, wie er seinen Schinder aus dem KZ in einem Priester wiedererkannt hat und zusammen mit zwei weiteren Ex-Häftlingen, den Brüdern Rose, zur Rede stellen wollte wegen eben jener totgeglaubten Frau. Die Liste der Darsteller weist ausnahmslos Größen ihres Faches auf, und Opernball-Regisseur Urs Egger beweist mit seinem Cutter Hans Funck das nötige Talent, eine dichte Atmosphäre zu schaffen. Wer hätte angesichts der prominenten Darstellernamen mit »nur« 85 Minuten gerechnet?

Jedoch verhält sich Urs Eggers Film zum Drehbuch nur illustrativ. Das bezieht sich nicht allein auf die kurzen Rückblenden aus Kindheit und KZ-Haft. Sie sind fast nur – horribile dictu – Dekor, der Kontrast wird durch Lukas Strebels Aufnahmen überbetont: aufgehelltes, grün-goldenes und leicht weichgezeichnetes Zeitlupenidyll gegenüber einer dem Grau-Weiß der Häftlingskittel angeglichenen, aschfahlen Düsternis. Schlimmer als das Überdeutliche ist jedoch die Wirkungslosigkeit dieser Gegenüberstellung: Die Rückblenden aus dem KZ kommen vorzugsweise und furchtbar platt immer dann, wenn sich eine der Figuren an ein bestimmtes, schreckliches Ereignis erinnert, ohne daß Egger diesen Schrecken auch nur im Entferntesten visualisieren könnte. Das sollte er vier Jahre nach Benignis La vita é bella auch gar nicht mehr versuchen.

Vor allem die Kerngeschichte von der entscheidenden, von Epsteins Nacht, verhält sich eben nur illustrativ zur Rahmenhandlung der Exposition, die ihre Erzählung anstößt. Die Dialoge sind keine Gespräche der Figuren miteinander, sondern wohldosierte Mitteilungen an den Zuschauer. Der ganze Film hat etwas von der Mauerschau des klassischen Dramas, wo Schreckensbilder durch Erzählung, den Blick der Akteure über eine Mauer, evoziert werden. Doch fahren einem hier ja ständig Rückblenden dazwischen. Und selbst wenn Egger sie weggelassen hätte, seine handlungsversessene Inszenierung hätte nur schwerlich Platz für Imagination gelassen. Alles ist einzig auf Spannung ausgerichtet: Was verbindet diesen Mann und diese Frau, was ist geschehen seit den Tagen des Paradieses der Kindheit, und von wo und wieso überhaupt kommt der Mann zurück?

Dabei erliegt Epsteins Nacht der Gefahr aller sich konsequent entwickelnder Dramatik: Die Handlung wird vorhersehbar, und über sie Hinausweisendes bietet Epsteins Nacht kaum. Indem er die Geschichte erledigt, bringt Urs Egger den Film zur Strecke. Schritt für Schritt gibt er ein Geheimnis preis, bis keines mehr übrigbleibt: Vorhang zu, alle Fragen zu. Annie Girardot geht wieder, und Mario Adorf hat aufgehört zu weinen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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