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Epidemic

DK 1987, R,B,K,S,D: Lars von Trier. B,K,S,D: Niels Vørsel. K: Henning Bendtsen. P: Det Danske Filminstitut, Elementfilm. D: Udo Kier, Gitte Lind u.a.
106 Min. Realfiction ab 12.5.05

Künstlerischer Status Quo

Von Patrick Hilpisch Bevor Lars von Trier zusammen mit Thomas Vinterberg und Søren Kragh-Jacobsen die zehn Gebote des filmästhetischen Keuschheitsschwures Dogma 95 aus der Taufe hebt, realisiert er 1987 im Rahmen seiner Europa-Trilogie mit Epidemic ein Projekt, dem er bereits acht Jahre vor Unterzeichnung des viel diskutierten Manifests ein produktionstechnisches und somit auch künstlerisches Korsett anlegt. Doch im Gegensatz zum Dogma-Konzept stellt die Selbstbeschneidung der filmischen Mittel bei Epidemic keine gezielt gesetzte Abkehr von festgefahrenen filmischen Konventionen dar. Vielmehr verdankt sie sich einem von von Trier ausgeklügelten Finanzierungsabkommen mit dem dänischen Filminstitut, das besagt, daß das Institut dem Regisseur für seine beiden nächsten Filmprojekte die Summe von 10 Millionen Kronen zur Verfügung stellt. Von Trier, der für die Realisierung seines neuen Drehbuchs (dem nie verwirklichten »The Grand Mal«) neun Millionen Kronen veranschlagt hat, beschließt nun, einen Film dieses »Package-Deals« für eine Million zu drehen, was ungefähr einem Siebtel des damals in Dänemark üblichen Budgets entspricht.

Obwohl man nun meinen könnte, Epidemic sei nur ein Mittel zum Zweck, bietet der Film profunde Einsichten in von Triers Selbstverständnis als Regisseur und seine Einstellung gegenüber dem Medium Film, denn der technikversessene Jungregisseur, der bei seinem Erstling Element of Crime noch auf ein professionelles Produktionsteam, opulente Settings und erfahrene Schauspieler zurückgreifen konnte, erfährt hier zum ersten Mal die befreiende Wirkung einer solchen filmischen Selbstkasteiung auf den individuellen Kreativprozeß.

Von Trier macht in Epidemic aus der finanziellen Not eine Tugend und präsentiert ein selbstreferentielles und selbstreflexives Experimentierstück, das sich um Mainstream-Kompatibilität und Genregrenzen wenig schert.

Der dänische Filmemacher etabliert zunächst einen pseudo-dokumentarischen Erzählgestus. Durch eine Computerpanne wird das fertiggestellte Filmmanuskript der Filmemacher Lars und Niels (von Trier und Drehbuchautor Niels Vørsel spielen sich selbst) fünf Tage vor der Präsentation für die Geldgeber des dänischen Filminstituts zerstört. Unfähig, den Plot des Drehbuchs zu rekonstruieren, entschließen sich die beiden, ein neues Skript zu verfassen – Epidemic. Als Vørsel den Titel des neuen Films in seine Schreibmaschine hämmert, frißt sich dieser synchron zu den Anschlägen in roten Lettern in die linke obere Bildhälfte und wird dort als eine Art Trademark (oder Warnung?) bis zum Finale des Films verweilen. In grobkörnigen 16mm-Aufnahmen, die durch ihre unsaubere, dilettantisch anmutende Ästhetik eine Nähe und Unmittelbarkeit suggerieren, die von Trier in seinen späteren Werken als dramaturgisches Mittel perfektioniert, verfolgt der Film nun die Recherchearbeit und Skriptausarbeitung der Drehbuchautoren. Hier offeriert der Film einen veristisch ironischen Blick auf den filmischen Entstehungsprozeß; von der ersten Konzeptualisierung über das Aufspüren themenrelevanter Quellen bis zur Aufdeckung der oftmals willkürlichen Genese künstlerischer Konzeptionen. Dabei verstärkt die Tatsache, daß die Filmemacher sich selbst spielen und der narrative Rahmen für Epidemic nur auf einem losen Treatment beruht, also die einzelnen episoden- und skizzenhaften Sequenzen somit erst während des Drehs eine spontane Ausformulierung erfahren, den Eindruck einer tatsächlichen Drehbucharbeit.

Parallel zu diesem zeitlich dominierenden Film-über-Film fließen in Epidemic immer wieder Sequenzen aus dem im Film entstehenden Drehbuch zu Epidemic, dem Film-im-Film, ein. Diese stellen durch ihre hoch stilisierten, suggestiven 35mm-Aufnahmen (für die von Trier den ehemaligen Dreyer-Kameramann Henning Bendtsen gewinnen konnte), das ausufernde Overacting der Schauspieler und die Tatsache, daß diese Ausschnitte englisch synchronisiert wurden, nicht nur einen ästhetischen, den Zuschauer distanzierenden Kontrapunkt zu den »rohen« Work-in-Progress-Sequenzen der Rahmenhandlung dar, sondern bieten gleichzeitig eine Reflexionsebene zu den skriptbezogenen Auslassungen und Recherchestrategien der beiden Drehbuchautoren. Im Film-im-Film beschreiben Lars und Niels das Schicksal des Idealisten Dr. Meßmer, der im Alleingang eine verheerende Epidemie bekämpfen will. Doch eben dieser grenzenlose Idealismus muß Meßmer zum Verhängnis werden, denn »ohne ihn und seinen Idealismus gäbe es kein Problem«, konstatiert Lars bei der Ausarbeitung der Erzählstruktur. Diese Idealismuskritik, gepaart mit der sich durch beide Erzählstränge ziehenden ironischen Brechung philosophischer und kunstgeschichtlicher Errungenschaften des Abendlandes, spiegelt zum einen von Triers anarchische Haltung gegenüber tradierten Wertekomplexen und Kunstauffassungen wider. Zum anderen kommt hier das die gesamte Europa-Trilogie durchziehende Element des eurozentristischen Kulturpessimismus zum Tragen. Zwar verdichten sich, ebenso wie die unterschiedlichen Ausformungen des Themenkomplexes Epidemie/Krankheit/Seuche, die dem Film inhärenten europakritischen Motive allein durch ihre große Anzahl zu einem tragenden Komplex, doch ein plausibles Ausdefinieren der Ursprünge der den Filmen immanenten Europakritik findet auch in Epidemic nicht statt.

Die Dichotomie von dokumentarischem Realismus und ausgestellter Fiktionalität ermöglicht von Trier, den Zuschauer in ein Spannungsfeld von Realität und Fiktion zu verstricken und somit die Grundlage für das eindringlich inszenierte Finale zu legen. In dem Maße, in dem der Zuschauer die Rahmenhandlung als Realität akzeptiert, steigert sich am Ende des Films die (Schock-)Wirkung der Grenzüberschreitung von Fiktion und Realität. Trotz eines Objektivität suggerierenden Voice-Over-Kommentars in der stilistisch ans amerikanische Direct Cinema angelehnten Rahmenhandlung, der immer wieder über den Status einer tatsächlichen Seuche informiert, die, so wird ausdrücklich betont, aus purem Zufall mit der fiktiven Seuche im Epidemic-Skript zusammenfällt, wird die Möglichkeit eines Zufalls spätestens im Kulminationspunkt der Rahmenhandlung, der hypnotischen Versenkung eines Mediums in das Epidemic-Skript und der unmittelbar darauf folgenden Infektion der Anwesenden, verworfen, denn die Suggestivität der Bilder widersetzt sich dem gesunden Menschenverstand.

Lars von Trier entwirft in Epidemic trotz des geringen Budgets durch eine ansehnliche Variationsbreite filmstilistischer Darstellungsstrategien ein manipulatives Narrationskonzept. Trotz der artifiziellen Ästhetik des Films im Film, die ihn eindeutig als fiktives Gebilde ausweist, glaubt der Zuschauer den unfaßbaren Sprung der fiktiven Seuche auf die Realitätsebene des Films. Von Trier deckt hier die Wirkmächtigkeit des Mediums Film auf. Die hieraus abzuleitende Medienkritik erfährt bei ihm jedoch eine Art kunstästhetische Relativierung, denn, so der Regisseur, nur eine epidemische, jedoch gleichzeitig kontrollierte Kreativitätswucherung kann künstlerische Innovation fördern und Konformität und Stagnation verhindern. Von Trier setzt diese Maxime des kontrolliert Epidemischen als eine Art künstlerischer Denkform durch den in allen seinen Filmen präsenten Experimentierwillen und seinen anwährenden Drang zur Grenzüberschreitung um. Wenn Epidemic aufgrund seiner losen, skizzenhaften Struktur nicht als Spielfilm überzeugen kann, wobei zu diskutieren bleibt, ob er diesen Anspruch überhaupt erhebt, so spiegelt er doch den Status Quo des von Trierschen Verständnis von Film als Kunst anno 1987 wider. 1970-01-01 01:00
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