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Enron – The Smartest Guys in the Room

USA 2005. R,B: Alex Gibney. K: Maryse Alberti. S: Alison Ellwood. M: Matt Hauser. P: HDNet Film, Jigsaw Prod.
108 Min. Kinowelt ab 25.1.07

Der Untergang des amerikanischen Imperiums

Von Daniel Bickermann »What is he building in there?«, fragt Tom Waits, düster, flüsternd, in seinem gleichnamigen Lied, das die ersten Bilder dieser Dokumentation untermalt. Auf der Leinwand sehen wir dazu die Firmenzentrale des einstmals größten US-Energiekonzerns und denken spontan an Bombenbastler, Kinderschänder, Gangsterbosse. Es ist ebenso schön wie tragisch, daß der Film danach nur noch antiklimaktisch weiterlaufen kann. Denn natürlich verstecken sich hinter der Glas- und Stahlfassade keine konspirativen Machenschaften finsterer Verbrecher, sondern nur eine Gruppe hilfloser Jungs in Anzügen, denen ihre titelgebende Klugheit nicht aus dem moralischen und finanziellen Maelstrom hilft, in den sie sich hineinmanövriert haben.

Das ist vielleicht die vielsagendste Erkenntnis aus Enron – The Smartest Guys in the Room: Der Film, der in Deutschland mit einer Menge Vorschußlorbeeren der internationalen Kritik an den Start geht, will wütend, aufklärerisch und dramatisch sein, eine halblegale Macho-Kultur im maroden US-Finanzsystem desavouieren (mitsamt all der »nützlichen Idioten« wie Bankern und Analysten, die beide Hände offen und beide Augen geschlossen hielten), ein Königsdrama von Hybris und tiefem Fall erzählen – und findet doch nur unspektakuläres menschliches Versagen und individuelle Tragik. Genau das aber macht ihn zu dem vielleicht ehrlichsten Anklagefilm seit Jahren, weil er, anstatt einem gesichtslosen Abstraktum wie »der Globalisierung«, »der Industrie« oder »dem Aktienmarkt« die Schuld zuzuschieben, erkennen muß, daß dem Wirtschaftssystem, wie global und komplex es auch immer beschaffen sein mag, doch nur menschlich-allzumenschliche Handlungen zugrunde liegen. Keine Verschwörung steuert den Aktienmarkt, sondern nur die Scham, Stimmung und Eitelkeit einzelner Spieler, die dieser Verantwortung natürlich nicht gewachsen sind.

Wir haben es also mit einem gescheiterten Film zu tun, der auf halbem Weg merkt, daß sein hauptsächliches Angriffsziel eigentlich mehr Mitleid als Bestrafung verdient. Soweit ist das, wie schon angemerkt, weniger eine Schwäche der Inkonsistenz als vielmehr eine Stärke der Erkenntnisfähigkeit von Seiten des Films. Wirklich schade dagegen ist die mangelnde Konzentration, mit der die Macher das Projekt von Beginn an angegangen sind. Die im Original von Peter Coyote eher reißerisch kommentierte Dokumentation ist selbst noch von der Wucht und Größe der Geschehnisse überwältigt. Immer wieder fragt sie sich ungläubig: »Wie kann ein Konzern in nur 24 Tagen 70 Milliarden Dollar vernichten, die er zuvor in 16 Jahren aufgebaut hat?« Der Film findet sehr präzise Antworten auf diese Frage, doch in der Interpretation seiner Ergebnisse schlägt sich dann erneut diese Befangenheit der Zeitzeugen nieder, das Trauma der Dabeigewesenen und die damit einhergehende ungläubige Angst vor einer historischen oder kulturellen Einordnung.

Und so will der Film in viele Richtungen auf einmal, wird sprunghaft und dehnt sich streckenweise auch etwas dünn. »Jesus Saves« prangt zum Beispiel in einem der ersten Bilder auf einem knallbunten Poster. Da hat man noch die Hoffnung, der Film könnte die größte Firmenpleite der US-Geschichte vielleicht mit dem Niedergang der christlichen Rechten in den USA verknüpfen, die massiv in den »Enron«-Konzern verstrickt war und dessen politische Galionsfiguren maßgeblich von ihm finanziert wurden. Dies aber bleibt bestenfalls ein Seitenstrang. Auch der dringliche Vorwurf gegen den Gesetzgeber, der völlig legal ein Buchhaltungsverfahren zuließ, das die Projektion zukünftiger Gewinne als aktuelle Firmeneinnahmen abrechenbar machte, verliert sich im Stream of Consciousness der Macher. Übrig von zahlreichen solcher Ansätzen bleibt viel Detailerklärung, ein wenig Wut, ein wenig Spott, ein wenig Mitleid und einige feine Catch-22s (wie jenen, daß auf einem deregulierten Energiemarkt der Strompreis im gleichen Maße ansteigt, wie die Verkäufer den Saft abdrehen – bis die Konzerne theoretisch unendlich viel Geld haben, aber keiner mehr Strom kriegt).

»Zu früh«, riefen viele US-Kritiker in den Presse-Vorstellungen von United 93 und World Trade Center (und lagen damit ebenso falsch wie all jene, die bei Platoon und Apocalypse Now gerufen hatten: »zu spät!«). Für diese Dokumentation, die einen vielleicht ebenso bedeutsamen kulturellen Kollaps nachzeichnen und analysieren möchte, ist es aber tatsächlich noch zu früh. Noch fehlt die Distanz, die es eines Tages ermöglichen wird, das beschriebene Desaster retrospektiv als Teil einer großen politischen, finanziellen oder kulturellen Umwälzung zu verstehen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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