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England!

D 2000. R,B: Achim von Borries. B: Karin Aström, Maria von Heland. K: Jutta Pohlmann. S: Gergana Voigt. D: Ivan Shvedov, Merab Ninidze, Anna Geislerova, Chulpan Khamatova, Sebastian Schipper.
97 Min. Neue Visionen ab 30.8.01
Von Thomas Waitz Mit eine Rückblende beginnt der Film: Der Sommer 1986 in flirrenden Sepiatönen. In der kargen, sonnendurchfluteten Landschaft der Ukraine versuchen zwei Männer zu fliehen. Der eine, das ist Valeri – ihm wird der Film, sehr viel später, auf seiner Reise folgen. Der andere, Viktor – kein Sieger. Beide sind sowjetische Wehrpflichtige, eingesetzt bei Aufräumarbeiten in Tschernobyl. Mit einem ruckenden, altersschwachen Lastwagen, den sie gleichermaßen waghalsig wie halbherzig beschleunigen, versuchen sie die Absperrungen der Dekontaminierungszone zu durchbrechen. Natürlich werden sie gefasst. Auf die lakonische Frage des Offiziers, wohin denn ihre Flucht hätte führen sollen, ruften beide, trotzig und stolz zugleich: England! Mit Ausrufezeichen.

Das Nasenbluten kommt regelmäßig. Wie eine unheilvolle Spur, morgens, beim Aufwachen auf dem Kissen, weist es auf das Innere hin, das sich verändert. Doch auch die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen geben keine Gewissheit. In einem Krankenhaus in Kiew – Jahre sind vergangen – wird Valeri gefragt, was er für sich erwarte, und er schaut, halb verwundert, halb skeptisch, die Ärztin an, die ihm da gegenüber sitzt. »Die Sonne scheint, die Vögel singen, das Leben ist schön und aufregend. Wieviel mehr könnte ich erhoffen?«, antwortet Valeri knapp. Und doch es ist kein Zynismus, der ihn das sagen lässt. Ohne Bitterkeit, mit einem Maß an Entschlossenheit, das es – so scheint es – nur an dem einen Punkt geben kann, an dem es eigentlich keine mehr braucht, macht er sich auf. Mit dem Bus geht es bis Berlin. Dort ist erst einmal Schluß. Victor, den Valeri Jahre nicht gesehen hat, und den er hier zu treffen hoffte, ist nicht mehr da.

Vom Verschwinden handelt Achim von Borries Film. Dem Einfachabhauen, schalen Hoffnungen auf einen neuen Anfang, woanders. Aber es geht auch um das Verschwinden des eigenen Lebens, einem Fortschleichen, das ganz beiläufig, kaum merklich dinghaft wird – wie die Spuren des Bluts auf dem Kissen am nächsten Morgen, ohne eine Erinnerung an ihre Herkunft. Borries gibt seiner Hauptfigur einen verzweifelten Optimismus, eine für den Zuschauer, der die Aussicht doch erahnen muß, erschreckende Fröhlichkeit und Leichtigkeit, die durch nichts begründet scheint – und die doch gefangen nimmt.

Mag England! für einen Erstlingsfilm in vielerlei Hinsicht erstaunlich konventionell und auf eine befremdliche Weise unzeitgemäß wirken: In den langen, ruhigen Einstellungen, seiner gefälligen Ästhetik sorgsam strukturierter Bilder spürt man die Leichtigkeit, mit der hier, ohne falsche Mitleidigkeit und Sentimentalität eine elementare Geschichte erzählt wird. Fast wirkt er da ein wenig bieder. Doch Borries konzentriert sich ganz auf das, was er erzählen will und entscheidet sich im Zweifelsfall für eine poetische Überhöhung der Fabel, und gegen einen (wie auch immer gearteten) filmischen »Realismus«. Von in dieser Hinsicht äußerst spannenden Filmemachern wie Dresen oder Kleinert ist er meilenweit entfernt.

»Überall ist es besser, wo wir nicht sind«, hieß es noch Ende der Achtziger bei Michael Klier, und mit seinen Filmen verband sich, jenseits aller Utopien, so etwas wie eine politische Meinung. Borries geht es um etwas anderes: Den Augenblick zu ergreifen, der das, was geschehen wird, erträglich scheinen läßt. Das mag ihm leicht geschmäcklerisch und vorhersehbar geraten sein. Die Gradlinigkeit und Stilsicherheit, mit der er jedoch zu Werke geht, überzeugt. 1970-01-01 01:00

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