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Emmas Glück

D 2006. R: Sven Taddicken. B: Claudia Schreiber, Ruth Thoma. K: Daniela Knapp. S: Andreas Wodraschke. M: Christoph Blaser. P: Wüste Film, Wüste Film West. D: Jördis Triebel, Jürgen Vogel, Martin Feifel u.a.
99 Min. Pandora ab 17.8.06

Schwein gehabt

Von Mary Keiser »Machen Sie weiter wie bisher«, so der vielsagende Rat des Arztes, nachdem er bei Max nicht operablen Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert hat: die Haltung der westlichen Zivilisation zum Tabu Tod. Mit festem Glauben an Wissenschaft und Technik verdrängen wir unsere eigene Sterblichkeit, geben uns Illusionen von Heilsversprechungen wie Wellness, Fitness oder fernöstlicher Medizin hin. Jegliche Gedanken an den Tod werden tunlichst vermieden, sprachliche Synonyme verschleiern den Abtritt ebenso zahlreich wie blumig; unser letztes Stündlein wird in jedem Fall schlagen, ob wir jetzt das Zeitliche segnen, über den Jordan gehen, ins Gras beißen, den Löffel abgeben, uns die Radieschen von unten begucken oder den Holzpyjama anziehen.

Ebenso möchten die wenigsten wissen, ob der vierbeinige Ursprung ihres Hot Dogs einmal Schweinchen Dick oder Babe (oder beides?) geheißen hat. Emma hingegen weiß es nicht nur, sie macht ihren Tieren höchstpersönlich den Garaus. Noch während sie mit dem Schwein über die Wiese tollt, es herzt und küßt, zieht sie ein Messer hervor und läßt mit einem schnellen Schnitt das Leben aus ihm herausbluten.

Taddickens dicht codierte Bilder und Figuren benötigen kaum mehr Worte. Zwei Pole bestimmen den Film, Bäuerin Emma auf der einen Seite als personifizierte Mutter Erde, natürlich, sinnlich, urwüchsig. Das ganze Dorf weiß Bescheid, wenn es Emma wieder überkommt und sie sich ungeniert auf ihrem knatternden Moped mit Unwucht befriedigt. Sie packt mit beiden Händen zu, ergreift das Leben ebenso wie den Tod, ihr Heim ein chaotisches Durcheinander, sie die uneingeschränkte Herrscherin über ihre Wildnis. Gleich zu Anfang des Films steht demgegenüber im fast schon Soderberghschen Parallelschnitt die zivilisierte Welt, in der Autoverkäufer Max sein graues Leben führt, bestimmt von Technik, doch menschlich vollkommen leer. Nach Erhalt seiner Hiobsbotschaft unternimmt er zunächst einen halbherzigen Versuch, sich mit seiner Arbeitskollegin zu verabreden und macht sich anschließend mit der Firmenkasse und einem Schwung streng gefalteter Hemden aus dem Staub. Max ist ein Homo faber, der, nachdem ihn der Autounfall auf Emmas Hof verschlägt, fatalerweise versucht, sich für seine Lebensrettung zu bedanken, indem er aufräumt und das Moped repariert. Trotzdem nähern sie sich langsam einander an, von Emma inspiriert beginnt Max ironischerweise erst im Angesicht des Todes wirklich zu leben.

Indem Taddicken diesen Prozeß nicht erzählt, sondern vielmehr zeigt, macht er dank guter Darsteller und bestem filmischen Handwerk einen ansehnlichen Film aus einer eher schlichten Story. Den uralten Geschlechterstereotypen in Emmas Glück liegt eine zutiefst moderne Denkart binärer Codierungen zugrunde, die jeden postmodernen Versuch, die althergebrachten Antagonismen weiblich/männlich, Natur/Kultur, Wildnis/Zivilisation, Chaos/Ordnung zu dekonstruieren, ignoriert. Dementsprechend ist auch die feministische Botschaft nicht mehr ganz taufrisch, an Alice Schwarzer erinnert nicht nur der Name der Hauptfigur, sondern auch das Prinzip der gewollten Distanzierung zur Männergesellschaft.

Emmas Glück liegt im Grunde nicht in dem gestohlenen Geld, mit dem sie ihren Hof kaufen kann, sondern in der Erfüllung, die sie in der Beziehung mit einem Todkranken findet. Sie kann für ihn Geliebte und Mutter zugleich sein, letztendlich aber ihre Freiheit behaupten. Genau darum geht es auch – wie schon der Ausdruck »Freitod« sagt – beim rituellen Tötungsakt, den Emma an Max vollzieht: Selbstbestimmung im Leben wie im Tod. Solch schauderhaft ergreifende Szenen, die nahezu sämtlich um Endgültigkeit kreisen, erdrücken jedoch den komödiantischen Teil des Films. Wenn der für die Lacher zuständige Verehrer Emmas, eine weitere Ausgabe des vertrottelten Dorfpolizisten (siehe Karniggels oder Kops) mit Handbremsendrehung auf den Hof gerauscht kommt, bleibt einem, eben noch tief ergriffen von der Tragik der Geschichte, das Lachen oftmals im Halse stecken. Dennoch bringt dessen Mutter es auf den Punkt: »Junge, die ist Dir über.« Unterm Strich kann kein Mann dem Superweib das Wasser reichen. 1970-01-01 01:00

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