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Elling

N 2001. R: Peter Næss. B: Axel Hellstenius. K: Svein Krøvel. S: Inge-Liese Langfeldt. M: Lars Lillo Stenberg. P: Maipo Film. D: Per Christian Ellefsen, Sven Nordin, Marit Pia Jacobsen u.a.
89 Min. Arsenal ab 2.5.02
Von Thomas Waitz Seltsame Typen sind das, Elling und sein Freund Kjell Bjarne. Beide sind nicht mehr die jüngsten, aber noch immer wohnen sie in dem Heim, in das man sie irgendwann gesteckt hat. In dem Zimmer, das sie sich teilen, haben sie die Betten aneinander geschoben, und abends erzählt Elling Kjell Bjarne wüste Geschichten von liebeshungrigen Amazonen.

Der gute Kjell interessiert sich nämlich vor allem für zwei Dinge: Essen und Frauen. Das erste ist eine Leidenschaft, die er dann auch tatsächlich auslebt, bei letzterer bleibt leider nur die Phantasie, in der er sich in romantischer Schwärmerei Situationen ausmalt, die dann meist ganz handfest enden.

Das Theoretisieren hat alsbald ein Ende, denn mit der Idylle des ländlich gelegenen Soziotops der psychiatrischen Anstalt ist für immer Schluß. Der norwegische Staat entscheidet, man könne es bei den beiden auf ein betreutes – wie sich herausstellen soll: recht lax betreutes – Wohnprojekt ankommen lassen, ausgerechnet im hektischen, überfüllten Oslo. Denn Elling hat zwei schlimme Feinde im Leben: Unruhe und Schwindel.

Es ist vor allem den beiden vom Theater kommenden Hauptdarstellern zu verdanken, daß Elling die Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit hält. Per Christian Ellefsen spielt den Elling mit einer zurückhaltenden Körperlichkeit, zunächst verhuscht, klein, sich wie ein Kind hinter zu großen Gesten versteckend, später immer selbstsicherer werdend im Umgang mit den alltäglichen Dingen. Ein Umgang, der erst gelernt werden will: das Einkaufen im Supermarkt, der Gang durch eine Menschenmenge, das Benutzen des Telefons.

Elling ist vordergründig ein Film über Behinderte, aber gerade das macht ihn zu einem Film über das, was als »gewöhnlich«, als »normal«, als Norm empfunden wird. Erst an dem, was randständig, was die Ausnahme zu sein scheint, aber auch an der Skurrilität, die einhergeht mit den manchmal schier selbstquälerischen Versuchen, einfachste Alltagsprobleme zu lösen, entscheidet sich die Normalität – oder das, was wir dafür halten. Der solchen Filmen gewöhnlich immanente Normalitätsdiskurs wird in Elling indessen nur gestreift. Auf echte Probleme mit der Außenwelt scheinen die beiden Helden in Peter Næss' sympathischem, mit leichter Hand erzähltem Film im Grunde nicht zu stoßen. Ihre Umgebung reagiert nachsichtig auf die eh kaum nach außen deutlich werdenden Anpassungsschwierigkeiten, etwa wenn die beiden zum ersten Mal in eine Gaststätte gehen und dort mit einer zum Vortag veränderten Speisekarte konfrontiert werden, was die ursprünglich getroffene Essenswahl unmöglich macht – und das ganze Unterfangen für den stoischen und verzweifelt-komischen Elling hinfällig werden läßt. Die eigentlichen Veränderungen finden in der Innenwelt der Figuren selbst statt – und in der Beziehung der beiden Freunde, die einige Krisen zu meistern haben und an den gemeinsam überstandenen Schwierigkeiten wachsen.

Dramaturgie und filmische Gestalt ordnen sich stets dem Erzählten unter, bleiben zurückhaltend, ein wenig behäbig manchmal – etwa in der Liebesgeschichte, die einen sehr vorhersehbaren Twist enthält, ganz im Stile konventionalisierter Hollywoodnarration. Immerhin deutet sich in der filmischen Argumentation dann doch noch so etwas wie eine These an, und sei es auch die zu häufig beschworene, nach der die Verrückten die eigentlich Normalen sind – eine Annahme, die letztlich genau jenen Binarismus zementiert, den der Film aufzulösen vorgibt. In Elling mündet sie leicht regressiv und modernitätsfeindlich in der immer schon recht fragwürdigen Behauptung, es brauche den Kind gebliebenen »Irren«, um wahre Kunst zu erschaffen (in diesem Fall: Poesie). Das ist freilich eine Auffassung, mit der es sich ganz gemütlich leben läßt, und das ist dann ja auch die Stärke dieser warmherzig-erzählten, ernsthaften Komödie: Sie tut niemandem weh, macht aber gute Laune. 1970-01-01 01:00

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