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Elizabethtown

USA 2005. R,B: Cameron Crowe. K: John Toll. S: David Moritz. M: Nancy Wilson. P: Cruise Wagner Prods, Vinyl. D: Orlando Bloom, Kirsten Dunst, Susan Sarandon, Judy Greer u.a.
123 Min. UIP ab 3.11.05

Screwball screwed up

Von Patrick Hilpisch Eigentlich vereint Elizabethtown alles, was einen Film von Cameron Crowe bisher ausgezeichnet hat: einen Protagonisten, der am Scheideweg seines Lebens steht, eine ungewöhnliche Lovestory, Dialogwitz und einen vorzüglichen Soundtrack. Doch irgendwie hat sich Crowe diesmal kräftig verhoben.

Nach Almost Famous, seiner autobiographisch gefärbten Ode an die Rockszene der 70er, und Vanilla Sky, seinem im wahrsten Sinne des Wortes verkopften Psycho-Thriller, begibt sich der Regisseur mit seiner neusten Produktion in die vermeintlich beschwingteren Gefilde der Neo-Screwball. Crowes großes Vorbild Howard Hawks läßt grüßen.

Plotanordnung und Erzählgestus lassen sich in Elizabethtown durchaus in Deckungsgleichheit mit Crowes bisher größtem Boxoffice-Hit Jerry Maguire bringen: Ein erfolgsverwöhnter Sunnyboy verliert durch einen (dummen) Fehler Traumjob und Traumfrau, um durch die Liebe und Überzeugungsarbeit einer anderen Traumfrau zu einem ausgeglichenen Selbst und einer neuen, besseren Weltsicht zu finden. Der Frage, ob diese Analogie als Ausdruck vermarktungstechnischen Kalküls, kreativer Blockade oder gezielter thematischer Verdichtung des Regisseurs zu bewerten ist, soll hier jedoch nicht weiter nachgegangen werden.

In Elizabethtown heißt der Sunnyboy Drew Baylor, und die Fallhöhe seiner beruflichen Fehlentscheidung ist ungleich größer als die seines »Vorgängers« Jerry Maguire. Baylors hehre Ziele, den ultimativen Sportschuh zu entwickeln, bringen nicht nur seinem Arbeitgeber den Rekordverlust von 1 Milliarde Dollar ein, sondern gleichzeitig dem nun zu trauriger Berühmtheit gelangten Schuhdesigner suizidale Tendenzen. Die Nachricht vom Tod des Vaters lenkt angesichts einer überforderten Schwester und hysterischen Mutter ab vom geplanten Freitod und führt Drew nach Elizabethtown, Kentucky, dem Geburts- und Todesort des verstorbenen Familienoberhaupts.

Der Trip nach Elizabethtown konfrontiert Crowes Protagonisten nicht nur mit seiner Vergangenheit, seinen verdrängten Schuldgefühlen gegenüber einem ihm fremdgewordenen Vater und einem bislang ungekannten Gefühl familiären Zusammenhalts, sondern offenbart ihm durch die Begegnung mit der aufgedrehten Flugbegleitung Claire einen Ausblick auf ein Leben jenseits des beruflichen Scheiterns.

Es ist eben jene naiv-affirmative Einstellung, die den Film, nahezu jede Szene durchtränkend, zu einem unangenehm pathetischen Gegenstand werden läßt. Nicht, daß Crowes bisherige Filme Pathos-befreite Zonen gewesen wären. Doch dort fand sich dieses Element entweder goutierbar reduziert oder ausreichend konterkariert wieder.

In Elizabethtown hebelt der intentional herbeigeführte Zusammenprall von Screwball-Humor und tiefgründiger Sinnfrage die Effektivität beider Elemente aus. Dieser Eindruck stilistischer und thematischer Heterogenität bzw. Disharmonie läßt den Film – der immer wieder mehr sein will als er tatsächlich ist – unausgegoren und prätentiös erscheinen.

Dabei bieten die ordentliche Portion Lokalkolorit, die schrulligen Charaktere und die etablierten Dynamiken durchaus Potential für eine flotte, pointenreiche Komödie mit ernsten Untertönen, die mit ihren ausgearbeiteten Dualismen das Label »Screwball« verdient hätte.

Doch letztendlich bleibt der Film ein turbulentes Stückwerk schwarzhumoriger Einfälle, die sich aufgrund der sich immer wieder »einmischenden« Suche nach Antworten auf fundamentale Lebensfragen (und dem höchst anmaßenden Standpunkt, diese Antworten gefunden zu haben) zu keinem einheitlichen und überzeugenden Plot verdichten können. Cameron Crowes Versuch, in die Schuhe der von ihm verehrten Meister zu treten, schlägt somit auf enttäuschende Weise fehl. 1970-01-01 01:00
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