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Elementarteilchen

D 2005. R,B: Oskar Roehler. K: Carl-Friedrich Koschnick. S: Peter R. Adam. P: Constantin, Moovie. D: Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen, Martina Gedeck, Franka Potente, Nina Hoss u.a.
105 Min. Constantin ab 23.2.06

Etwas Grundsätzliches zum Thema Literaturverfilmung

Von Thomas Warnecke Es stimmt gar nicht, daß Michel bis zum Wiedersehen mit Annabelle noch nie mit einer Frau geschlafen hat. Oskar Roehlers Film ist eine von unzähligen Literaturverfilmungen, die davon ausgehen, daß Film weniger komplex ist als Literatur, daß eine Erzählerstimme unfilmisch ist, daß der Kinozuschauer weniger klug und aufnahmefähig ist als der Leser, und der deswegen Handlung und Charaktere der Vorlage verkürzt und vereinfacht. Gut, ein Film hat nur anderthalb oder zwei Stunden Zeit, während ein Buch über beliebig viele Tage verteilt gelesen werden kann. Aber ist das ein ausreichender Grund dafür, eine Person Sätze sagen zu lassen, die im Roman eine andere sagt? Natürlich hätte es eine kontraproduktiv-komische Wirkung, wenn Moritz Bleibtreu und Christian Ulmen »Mischel« und »Brüno« auf der zweiten Silbe betonend zueinander sagten, aber läßt sich eine Geschichte so leicht eindeutschen, wie es hier versucht wird? Andererseits ist womöglich mindestens jede zweite Literaturverfilmung gemessen an ihrer Vorlage eine Vergewaltigung, so daß die Mehrheit der Filmschaffenden wie ihrer Kritiker bereit ist zu sagen, daß das Buch kein Maßstab für den Film sein könne, daß Film ein Medium eigenen Rechts sei usw.

Ich halte diese Argumentation für Unsinn, zumindest für eine faule Ausrede. Wer allerdings akzeptiert, daß hier nicht ein Buch verfilmt werden sollte, sondern Eichinger und Roehler sich mit Houellebecqs Roman quasi nur den Stoff teilen – und ihre Dialoge bei ihm abgeschrieben haben – wird zugeben müssen, daß die Ausschnitte aus dem Leben zweier Halbbrüder einen mäßig unterhaltsamen Film ohne allzuviel Realitätsbezug ergeben. Die Hippiemutter wirkt ebenso ausgedacht wie der Alkoholikervater; das Setting des Films, etwa das Feriencamp, macht nicht den Eindruck, als würde so etwas in Deutschland außerhalb der Vorstellung von Spöttern tatsächlich existieren. Die Liebesszenen (nicht die wenigen Sexszenen) sind dagegen wirklich anrührend und intensiv und gut gespielt, so daß ungefähr zur Mitte des Films der Eindruck einer Verherrlichung der traditionellen Zweierbeziehung vorherrscht und ein echter Liebesfilm zu sehen ist, was angenehm ist und mit Blick auf die Vorlage sogar provokant sein könnte, wenn sich zum Ende hin nicht das Gefühl breit machte, hier nur eine billige Idylle vorgegaukelt zu bekommen, um das Kino wohlgestimmt zu verlassen.

Was dem Film fehlt, ist eben der Autor Houellebecq, dessen thesenhafte Fiktionen erst durch die Mischung aus nüchternem Bericht, essayistischer Polemik und verschütteter Romantik lebendig werden. Roehler weicht der sozialkritischen wie zynischen Perspektive aus, er bewegt sich stattdessen im Rahmen privater Trauerfälle. Der Selbstmord der von Martina Gedeck gespielten Christiane bewirkt vor allem konventionelle Krimispannung; für das gute Gefühl darf sie sogar noch weiterleben, ebenfalls ganz konventionell, in Brunos Vorstellung nämlich. Elementarteilchen ist nicht nur wegen seines biederen Aussehens ein Eichinger-Film, sondern weil er zuallererst das Werk eines Produzenten darstellt: durch und durch kalkuliert. Eichinger kann sich auf eine große und internationale Leserschaft verlassen und auf eine noch größere Zahl an Leuten, die von Houellebecq oder dessen Buch gehört haben, andererseits liegt das Erscheinen des Romans lange genug zurück, daß er darauf spekulieren kann, der Inhalt des Buches sei nur noch lückenhaft und eher in Form von Schlagworten präsent, und er ist klug genug, in der Werbung nicht zu sehr auf den Skandal, den das Buch darstellte, abzuheben, weil dafür mehr als etwas Gruppensex und Masturbation nötig gewesen wäre. Viel lieber protzt er mit seiner Besetzungsliste, in der sich jede Menge bekannter Namen tummeln; es ist schon ziemlich peinlich, wie sich noch jeder Gaststar in großen Lettern auf dem Plakat genannt findet, weil außer Titel und Namen anscheinend niemandem ein Motiv dafür eingefallen ist, weshalb dieser Film sehenswert sein könnte. 1970-01-01 01:00
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