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El entusiasmo

Chl/F/E 1999. R: Ricardo P. Larrain. B: Jorge Goldenberg, Ricardo P. Larrain. K: Esteban Courtalon. S: Danièle Fillois. M: Jorge Arriagada. P: Cine XXI, CARTEL, Paraïso Productions. D: Carmen Maura, Carolinga Barriga, Álvaro Escobar, Álvaro Rudolphy u.a.
105 Min. Kairos ab 15.8.02

Vergangenheitsbewältigung

Von Sascha Seiler Wie lange ist der Schatten, den die Militärdiktatur auf Länder wie Chile oder Argentinien in den 70er und 80er Jahren geworfen hat? Wieso verfolgen die traumatischen Ereignisse auch diejenigen, die aufgrund ihrer Jugend das Grauen nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen? Die Bürde, die von der Bevölkerung Chiles bis zum heutigen Tag getragen werden muß, ist größer als die Nachrichten über den Streit um die Auslieferung des Generals Pinochet die Europäer glauben lassen. Aus diesem Grund versucht die chilenische Kultur in den letzten Jahren das Grauen weniger von seiner sichtbaren, allzu bekannten Seite zu zeigen, sondern begibt sich ins Reich der Metaphern und der Sinnbilder menschlicher Gemütszustände, um die dunklen Schatten der Vergangenheit zu bekämpfen.

Der Titel bezieht sich auf den Enthusiasmus junger Chilenen um die Freiheit, welche die post-Pinochet Ära mit sich bringt und mit der sie allerdings erst einmal lernen müssen zurechtzukommen. Denn obwohl die Präsenz der politischen Vergangenheit des Landes nur in wenigen Szenen explizit zum Ausdruck gebracht wird, verschwindet sie niemals aus dem Blickfeld des Zuschauers. Vordergründig ist El entusiasmo eine Geschichte unerfüllter Liebe, angereichert mit den Ingredienzien jenes magischen Realismus, den südamerikanische Literatur und Film in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich geprägt haben. Die Geschichte wird mit beinahe schon zu vielen Zeitsprüngen erzählt, so daß es manchmal schwer fällt, den Bildern zu folgen, sie richtig einzuordnen.

Und doch ist der Film hochpolitisch, indem er die Unfähigkeit der Figuren zeigt, mit der Freiheit umzugehen – das Liebesleben als Metapher für die politische Orientierungslosigkeit. Ein besonders brutaler Kniff ist dabei das langsame, nahezu magische Entschwinden des Hauptdarstellers aus dem Leben seiner Frau und seines kleinen Sohns. Anfangs wird der Zuschauer noch in dem Glauben gelassen, der Regisseur habe die Erzählfäden seines Filmes aus der Hand gegeben und es gelänge ihm nicht, den Grund des Fernbleibens des Mannes zu erklären. Doch je mehr der Mann aus dem Blickfeld seiner Familie und des Zuschauers entschwindet, erkennt man die Bedeutung dieser Metapher: Die Normalität und scheinbare Ruhe, mit der der fast schon surreal vonstatten gehende Verlust aufgenommen wird, erfolgt aus der Gewohnheit, mit dem spurlosen Verschwinden geliebter Personen während der Herrschaft Pinochets umzugehen. Daß der Mann gerade im Hubschrauber über dem Meer entschwindet, wird viele Südamerikaner an die Todesschwadrone erinnern, die betäubte Gefangene aus einem Helikopter ins Meer stießen.

Das Problem, das dieser wahrhaft meisterhafte Film für europäische Zuschauer mit sich bringt, ist, daß die meisten seiner Metaphern ohne Kenntnisse der chilenischen Geschichte nicht zu entschlüsseln sind. Zurück bleibt dann leider nur ein surreales Liebesdrama, dessen Tiefe zwar erahnt, aber nicht weiter erforscht werden kann. Das ist schade, denn El entusiasmo ist einer der besten politischen Filme der letzten Jahre, ein Plädoyer gegen das Vergessen und ein faszinierender Einblick in die Tiefen menschlichen Leidens. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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