— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

El custodio – Der Leibwächter

El Custodio RA/F/D/ROU 2005. R,B: Rodrigo Moreno. K: Barbara Alvarez. S: Nicolas Goldbart. M: Federico Jusid. P: Rizoma, Charivari Film. D: Julio Chávez, Osmar Nuñez, Marcelo D'Andrea u.a.
95 Min. RealFiction ab 24.5.07

Das große Warten

Von Cornelis Hähnel Die dunkle Seite der Macht muß nicht immer gleich das Böse bedeuten. Manchmal steht man auch einfach unbeteiligt in ihrem Schatten. Ruben ist Leibwächter eines hochrangigen Planungsministers. Mit aufmerksamem Blick verfolgt er jede Regung des Politikers, überprüft alle Wege, sichert jede Situation und behält die Umgebung im Auge. Und wartet. Immer wieder Warten. In Fluren, auf Parkplätzen, im Auto. Immer voll konzentriert und bereit zu reagieren. Das Leben findet derweil hinter den Türen statt. Den Türen, die vor Ruben verschlossen werden. Den Türen, vor denen Ruben steht und wartet. Er nimmt seinen Beruf ernst und hält sich ausnahmslos an die Vorschriften.

Die Zeit vergeht nur zäh. Ruben ist rund um die Uhr für die Sicherheit des Ministers verantwortlich. So sitzt er auch in dessen Garten, als dieser Freunde aus Frankreich zu Besuch hat. Diese Momente bauen eine enorme Intensität der Nähe auf, lassen aber gleichzeitig jegliche Intimität vermissen. Nie haben diese Situationen einen offenen Charakter, vielmehr verschließen sie sich gegenüber Ruben, entwickeln dabei eine größtmögliche Distanz und lassen ihn wie einen Fremdkörper in der Szenerie zurück.

Stillstand dominiert den Film. Der Zuschauer weiß nicht, wohin sich die Geschichte entwickeln wird, viel zu vage sind die Andeutungen, viel zu oft wird man zurückgelassen und von dem Geschehen ausgeschlossen. Immer wieder erwartet man Wendungen in der Geschichte oder Erklärungen und wird einmal mehr allein gelassen – und steht mit dem Helden wieder auf einem ungastlichen Flur. Der Film des argentinischen Regisseurs Rodrigo Moreno ist ein Meisterwerk der unerträglichen Stille. Er präsentiert seinen Protagonisten wortkarg und unaufgeregt in seinem Berufsalltag. Beinahe emotionslos bringt Ruben die Stunden hinter sich, immer auf Abruf bereit. Nur manchmal läßt sein Gesicht eine minimale Gefühlsregung erahnen, um im nächsten Moment wieder zur professionellen Miene zu erstarren. Julio Chavez, der heuer auf der Berlinale mit einem silbernen Bären als bester Darsteller in dem Film El Otro ausgezeichnet wurde, beeindruckt hier mit einer grandiosen Leistung. Mit einer faszinierenden Präzision läßt er seine Figur zwischen Anspannung und Langeweile changieren, nur um dann, für den Bruchteil einer Sekunde, eine innere Regung anzudeuten.

Auf der Berlinale 2006 gab es für El Custodio zurecht den Alfred-Bauer-Preis, welcher für das Öffnen neuer Perspektiven in der Filmkunst vergeben wird. Denn perfekt sind die stilistischen Mittel aufeinander abgestimmt. Die Kamera richtet ihren Kader starr auf das Geschehen und vermittelt, trotz teilweise extremer Nähe, immer einen Eindruck der Distanziertheit. Der aggressiv beobachtende Fokus, der ihr dabei innewohnt, entblößt die Leere der jeweiligen Situation. Hinzu kommt der gnadenlose Schnitt, der immer bewußt ein wenig zu spät einsetzt und so den Zuschauer zwingt, an die Grenze des erträglichen Wartens zu gehen. Und es ist genau der Moment länger, in dem die Situation zu kippen beginnt und sich die in ihr immanente ätzende Komik offenbart, die aber gleich darauf von der Einsamkeit der Szene erstickt wird.

Moreno hat es glücklicherweise bei seiner Regie vermieden, seine Hauptfigur pathologisieren zu wollen. Nur vereinzelt bekommt man Bruchstücke aus dem Privatleben (welches so gut wie nicht existiert) des stillen Helden präsentiert. Seine Geburtstagsfeier in einem chinesischen Restaurant gerät zu einem Desaster, dort verliert Ruben für einen kurzen Moment die Kontrolle, als der Ober seiner Nichte das Karaokesingen verbieten will. Aber dann kehrt er wieder in die Rolle des unbeteiligten Beobachters zurück. Auch in seinem familiären Umfeld erweist sich, ebenso wie im Haus des Ministers und dessen Familie, die Nähe als unerträglich. Ruben ist körperlich anwesend, aber ebenso unsichtbar. Regungslos verfolgt er das Treiben um ihn herum, als wäre es kein Teil seines Lebens. Dabei vermittelt er aber nie das Gefühl, die scheinbare Abwesenheit in seinem Inneren durch Eskapismus zu kanalisieren. Vielmehr ist er eine Art Auge des Orkans, ein Ort der absoluten Stille, ein Mensch, der die anderen an sich vorbeiziehen läßt. Für sein Verhalten werden keine Erklärungen gesucht, El Custodio konzentriert sich auf den absoluten Moment des Jetzt. Und gerade darin liegt die Stärke des Films. Das Vermeiden von sehnsüchtigen oder reumütigen Gesten erlaubt einen Blick auf die Psyche eines Mannes, der sich von seiner Umgebung distanziert und im reinen Existieren verloren hat. Eines Mannes, der sein Leben der Einsamkeit geopfert hat. 1970-01-01 01:00

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