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El Acordeón del diablo

D 2000. R,B: Stefan Schwietert. K: Ciro Cappellari, Felice di Muralto. S: Tanja Stoecklin. M: Alfredo Gutierrez, Israel Romero u.a. P: zero film. D: Francisco Rada Batista, Alfredo de Jesus Gutierrez Vital, Manuel Rada Oviedo, Israel Romero, Jose Romero u.a.
Ventura ab 1.3.01

Karibik-Popstar

Von Norbert Parzinger Was macht ein Popstar, und was macht ihn aus? Sein »Werk« oder das Phänomen der Berühmtheit selber? Inhalt oder Accessoires? Man kann sich jetzt leicht irgendwelche Boygroup-Buben vorstellen, die Korona aus Bravo-Fotographen, Profi-Groupies, schwadronierende Musiksenderchefs und Manager immer drumherum, damit das sorgsam aufgebaute Markenimage keine Kratzer bekommt. Dann mag man sich vielleicht fragen, ob das schon immer so war – und sich die Geschichte eines alten Akkordeonspielers ansehen.

Inspiration und Zentrum des jüngsten Films aus der Werkstatt des Dokumentarfilmers Stefan Schwietert ist Francisco »Pacho« Rada Batista. »Pacho« lebt in einer selbstgebauten Blechbaracke am Stadtrand von Santa Marta an der kolumbianischen Karibikküste; einen Manager hatte er nie, nicht mal irgendwelche Plattenaufnahmen. Und doch war er genau das, was man im Südamerika der 30er und 40er Jahre einen »Popstar« nennen könnte: ein Wandermusikant und Erzähler, ein Lebenskünstler und einer der bedeutendsten Komponisten und Musiker in der Geschichte der karibischen Volksmusik, des Vallenato. Viele seiner Stücke sind heute Klassiker, mit denen professionelle Bands wie Israel Romeros »Binomino de Oro« kräftig verdienen; der Romancier Manuel Garcia Marquez schuf nach seinem Vorbild die Figur des Troubadours »Francisco El Hombre« in »Hundert Jahre Einsamkeit«. »Pacho« ist eine lebende Legende und trotzdem ein armer alter Mann.

Arm? Ansichtssache. Er hat noch immer sein Akkordeon, auch wenn er nicht mehr oft spielt; er hat seine Familie und viele Freunde. Das Leben habe es schon immer gut mit ihm gemeint: »Paranda, rum y mujer«, wie sein Neffe Manuel Rada Oviedo, auch er ein einfacher Musiker, singt. Und genau davon erzählt der Film: nicht von der materiellen Not, die den Menschen das Leben schwer macht – so angebracht das durchaus wäre. Sondern von der Liebe zur Musik, der sozialen Wärme, die sie am Leben erhält. Seine Handkamera läuft nicht kühl beobachtend durch das Elend der kolumbianischen Slums, sondern begleitet den bescheidenen alten Virtuosen auf der Reise in seine Heimatstadt; geduldig sieht sie dem Akkordeonbauer beim Stimmen über die Schulter oder sitzt einfach mit im Kreis der Nachbarn um »Pachos« Hängematte, wenn er seine Nachkommen zusammenzählt und ganz erstaunt auf 422 Kinder, Enkel und Urenkel kommt.

Die wunderbar entspannte Atmosphäre der Karibikküste haben Schwietert und seine Kameraleute hier in Bildern eingefangen, die man in dieser poetischen Intensität selten zu sehen bekommt. Nervig ist dabei einzig der (deutsche) Off-Kommentar. Gegen das freie Fabulieren des Volkserzählers setzt Schwietert eine »eigene, verdichtete, literarische Form dieser Geschichten und Gedanken«, die in ihrer gerafften, rationalisierten Erscheinung nicht wirklich in den Kontext paßt – und die noch dazu immer gerade dann wieder einsetzt, wenn der Zuschauer in die Welt der karibischen Legenden einzutauchen beginnt.

So müde und bekümmert, wie Günter Lamprecht hier klingen zu muessen meint, ist »Pacho« Rada dabei wirklich nicht. Ein knappes Jahr nach Abschluß der Dreharbeiten hat der alte Kolumbianer mit 93 Jahren zum dritten Mal geheiratet: kein Groupie. Eine alte Freundin. 1970-01-01 01:00
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