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El abrazo partido

ARG/F/I/E 2004. R,B: Daniel Burman. B: Marcelo Birmajer. K: Ramiro Civita. S: Alejandro Brodersohn. M: Cesar Lerner. P: BD Cine, Paradis Film, Classic u.a. D: Daniel Hendler, Adriana Aizemberg, Jorge D'Elía, Sergio Boris u.a.
100 Min. Pegasos ab 21.7.05

Lektionen der Vergangenheit

Von Sascha Seiler In den letzten Jahren sucht die jüdische Gemeinschaft Argentiniens verstärkt das Licht der künstlerischen Öffentlichkeit. Es ist hierbei kaum bekannt, was für eine große jüdische Gemeinde der Vielvölkerstaat – faktisch ein Einwanderungsland, dessen ethnische Topographie ähnlich konstruiert ist wie die der USA – beherbergt, und wie ganze Gemeinden ein relativ autonomes, aber dennoch typisch argentinisches Leben führen. Der große Erfolg des jüdisch-argentinischen Schriftstellers Marcelo Birmajer, der auch das Drehbuch zu El abrazo partido schrieb, leitet nun neue, populärere Wege der Darstellung von Judentum in Argentinien ein; dieser Film ist eines der prägnantesten Beispiele dafür.

Inhaltlich hat man es hier mit Themen zu tun, die auch die jüdische Literatur und den jüdischen Film der USA bevölkern, namentlich Identitätssuche, Exil, der Holocaust, das gespannte Verhältnis der Diaspora-Juden zu Israel, der typisch jüdische Witz und natürlich die omnipräsente jüdische Mutter. Was schnell zur langwierigen Farce geraten könnte, ist hier konzentriert und gleichzeitig elegisch ausgeführt, wobei die Suche nach der eigenen Identität im Mittelpunkt der Handlung steht.

Ariel ist ein Tagedieb, der sich mit Aushilfstätigkeiten im Schneidereigeschäft seiner Mutter über Wasser hält. Dieses befindet sich in einem schäbigen Einkaufszentrum, in dem fast ausnahmslos jüdische Geschäfte situiert sind. Die Komik des Films entwickelt sich aus dem über die Jahrzehnte fast symbiotisch gewordenen Verhältnis der Ladeninhaber untereinander; die Einkaufspassage gleichsam wieder eine Art geschlossene Gemeinschaft, die sich von der Außenwelt abschirmt. Ariels Vater ist kurz nach dessen Geburt zum Sechs-Tage-Krieg nach Israel aufgebrochen und nie mehr zurückgekommen, obwohl er regelmäßig mit der Mutter telefoniert. Als Begründung bekommt Ariel nur immer wieder zu hören: »Der Krieg verändert die Menschen«. Irgendwann im Laufe des Films wird er erfahren, daß es nicht der Krieg war, der seinen Vater ziehen ließ.

Der zweite Handlungsstrang besteht aus Ariels Wunsch, nach Polen, dem Land seiner Großeltern, auszuwandern. Aus diesem Grund bemüht er sich um die polnische Staatsbürgerschaft und braucht dazu die alten Ausweise seiner Großmutter, die diese erst nach vielen Monaten des Zögerns herausgibt. Ariel findet langsam heraus, was der Grund für das Zögern seiner Großmutter ist, und die Geschichten um Exil, Flucht und Identität vermischen sich.

Was ernst und besinnlich klingt, wird in El abrazo partido zwar melancholisch dargestellt, doch ist es auch der Humor eines Woody Allen, der hier ganz eindeutig – vor allem in den skurrilen Szenen unter den Ladenbesitzern – rezipiert wird. Zwar sind die Szenen, in denen Ariels Großmutter ihre Erinnerungen schwelgen läßt, von einer bleiernen Schwere, doch löst der Regisseur diese mit den Klezmer-Gesangseinlagen der alten Dame wieder auf; eine Musik, die ja gleichsam Frohsinn und Melancholie zu paaren versteht. Auch wenn die Inszenierung, die mit ihren schnellen, unkonventionellen Schnitten und Mehrfachperspektiven den Film manchmal etwas unfertig wirken läßt, im ersten Moment nicht so recht zum Thema passen will, spiegelt sie doch die Unsicherheit des Protagonisten wider; seine inneren Bewegungen werden durch den Dogma-inspirierten Stil erst sichtbar.

So steht hier thematische Schwere neben einer federleichten Umsetzung und der europäische Zuschauer bekommt einen faszinierenden Einblick in eine ihm vollkommen fremde Welt geboten, den er nicht verpassen sollte. 1970-01-01 01:00

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