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Eislimonade für Hong Li

D/VN 2000. R,B,K: Dietmar Ratsch. B: Arek Gielnik. S: Raimund Barthelmes. M: Nik Reich. P: Filmakademie BW, Filmpool Ludwigsburg, SWR. D: Thomas Billhardt, Tran Viet Duc, Cao Lan Anh u.a.
90 Min. Progress ab 9.1.03
Von Mark Stöhr Thomas Billhardt ist Fotograph und hat während des Vietnamkriegs eindrückliche Serien geschossen, die Zeugnis ablegten von den Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung und um die ganze Welt gingen. Das ist das eine. Thomas Billhardt ist ein freundlicher und umgänglicher Mensch, der andere sofort duzt und anfaßt und munter in seiner Landessprache drauf losparliert, selbst dann, wenn sein Gegenüber augenscheinlich kein Wort versteht. Das ist das andere: Man kann es für aufgeschlossen und forsch halten. Oder für aufdringlich und dreist. Wie der Mann zu seinen Bildern kommt, sollte uns eigentlich egal sein, wird der eine oder andere einwenden. Einverstanden. Nur: Billhardt ist Hauptfigur dieses Films – und das ist die Hölle.

90 Minuten sentimentales Hardcore-Gemenschel, Billhardt vor der Kamera in ganz großer Umarmungslaune, Billhardt aus dem Off im schweren Tränendrüsenfieber, mit schon legendären Sätzen wie: »Sie schaute mich so süß an« oder »Sie sah so putzig aus«. Bei der solchermaßen blumig wie schlicht Beschriebenen handelt es sich um Hong Li, die vor über dreißig Jahren von Billhardt porträtiert wurde und nun, nach dessen Rückkehr nach Hanoi, sichtlich übertölpelt und ohne die geringste Chance, dessen Nostalgie-Attacken zu entgehen, neuerlich vor Billhardts Linse gezerrt wird. Ihr ergeht es wie allen, die im Verlauf dieser Spurensuche wiedergefunden werden: Sie bleiben sprachlos und ohne Identität.

Das ist die große Schwäche von Dietmar Ratschs Film, der die Bilder von damals nach ihrer jahrzehntelangen »Weltumsegelung« wieder zu ihrem Ursprungsort zurückbringen und die Vergangenheit Vietnams mit seiner Gegenwart abgleichen will, daß er sich völlig der Perspektive seines Protagonisten ergibt und keinen eigenen Standpunkt findet. Daran ändern auch die Streifzüge des jungen vietnamesischen Fotographen durch die Hinterhöfe und Vergnügungsviertel Hanois nichts, die als zusätzliche dramaturgische Ebene vom modernen Vietnam erzählen sollen. Denn überall lauert Billhardt, den Finger am Auslöser und die Hand auf der Schulter, in seiner rastlosen Suche nach wenig Mensch und viel Motiv. Der Rest ist Erinnerung. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #29.
© 2012, Schnitt Online

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