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Eine fatale Entscheidung

Le petit lieutenant. F 2005. R,B: Xavier Beauvois. B: Cedric Anger. K: Caroline Champetier. S: Martine Giordano. P: Why Not Prod. D: Nathalie Baye, Jalil Lespert, Roschdy Zem, Antoine Chappey u.a.
93 Min. Arsenal ab 6.7.06

Good Lieutnant

Von Kerrin Anke Dieser »Film policier« ist so ganz anders, als man es als Zuschauer erwartet, und er ist auch ganz anders, als ursprünglich von Xavier Beauvois geplant. Zuerst sollte es eine Geschichte von jugendlichen Kriminellen werden, dann ein Thriller im Polizeimilieu. Tatsächlich daraus geworden ist der Beweis, daß man schwierige Themen wie Alkoholismus, Rassismus und Gewalt ganz ohne moralische Anwandlungen anpacken kann, und daß es auch unter Polizisten mehr gibt als nur Helden oder verkrachte Existenzen.

Dabei befindet sich Beauvois immer auf den Fersen des kleinen Kommissars Antoine, der frisch von der Polizeischule kommt. Die wichtigste Figur ist aber Hauptkommissarin Caroline Vaudieu; in ihr treffen scheinbar unvereinbare Gegensätze aufeinander: Im Beruf wacht sie streng und kühl über Recht und Ordnung, während sie privat mit ihrer Alkoholsucht zu kämpfen hat. Die fantastische Nathalie Baye ist es, die dem Film seine realistische Tiefe und Vielschichtigkeit verleiht; es gelingt ihr, mit verhältnismäßig wenig Leinwandzeit die Tragik und Melancholie eines ganzen Lebens darzustellen.

Um die ganze Bandbreite des Polizistenalltags einzufangen, scheute Beauvois keine Mühe – er folgte Beamten wochenlang auf Streife und ließ ganze Szenen ohne Dialogvorgaben von echten Polizisten oder Obdachlosen spielen und erzielt so ein bemerkenswertes Ergebnis. Zu keiner Zeit kann man sich der nüchternen Spannung des Films entziehen, wenn man dabei auch manchmal das Gefühl abschütteln muß, es handle sich um eine Dokusoap. Daß die kühle Inszenierung weder monoton noch distanziert wirkt, liegt an dem fast liebevollen Pinselstrich, mit dem die beiden Hauptcharaktere dargestellt werden. Beauvois zollt seinen Figuren Respekt, ohne sie zu verherrlichen, und schafft so ein Drama, das nicht nur echt ist, sondern auch echt berührt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #43.
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