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Ein Lied für Argyris

CH 2006. R,B: Stefan Haupt. K: Patrick Lindenmaier. S: Stefan Kälin. M: Thomas Korber, Jorgos Stergiou. P: Fontana Film. D: Argyris Sfountouris u.a.
105 Min. Edition Salzgeber ab 17.05.07

An wen zuerst erinnern

Von Maike Schmidt Viel wurde in unterschiedlichsten Strukturen einer Aufarbeitung zu den Verbrechen, die die Nazis begannen haben, erzählt, notiert, weitergegeben. Das Ausmaß bleibt bis heute nicht überblickbar, nicht begreif- oder faßbar. Sollten uns Jahrezahlen etwas sagen? Sollten uns Aufzählungen der Toten etwas begreiflich machen? Können sie es?

Stefan Haupt behauptet mit seinem Film, daß wir uns niemals sicher sein dürfen, daß wir längst nicht alles wissen und niemals alles wissen werden. In den Leben derjenigen Menschen, die diese Zeit erlebt, überlebt haben, liegen Geschichten, die in ihrer subjektiven Wahrnehmung Ungeheuerliches zu berichten wissen. Immer wieder und wie in einer nicht schließbaren Truhe warten diese Geschichten darauf, erzählt zu werden und den Schmerz, die Trauer und die Verzweilflung wiedergeben zu dürfen.Oft wurde schon versucht, diese Truhe zu schließen, Aufarbeitung als ein Akt der Verdrängung und des Vergessens, um weiterleben zu können ohne die Schatten der Vergangenheit. Daß dies niemals richtig möglich ist, erzählen die Geschichten, die herausgelassen werden. Seine erzählt hier Argyris Sfountouris, 66 Jahre alt und nicht bereit zu schweigen. Ein inneres Bedürfnis herauszuschreien, was damals 1944 in einem kleinen griechischen Dorf geschah und was sein ganzes Leben verändern und prägen sollte.

Am 10. Juni 1944 marschierten deutsche Soldaten in das Dorf Distomo ein. Ein Partisanenangriff kurz zuvor kostete zehn deutschen Männern das Leben; dies sollte durch das Abschlachten von 218 Dorfbewohnern gesühnt werden, mit deutscher Gründlichkeit wurde ein ganzes Dorf ausgelöscht. Argyris, 3 Jahre alt, verliert seine Eltern, viele Anghörige und sein Leben in Griechenland.

Einmal fragt seine Schwester: »So viele sind gestorben. An wen zuerst erinnern?« Und wie erinnern, wenn dies doch nur Schmerz und Trauer bedeutet? Auch nach so langer Zeit. Das fragt Haupt immer wieder: Auf welche Art und Weise und warum und wie lange soll, muss, kann der Mensch sich erinnern? Argyris sieht seinen Lebensweg mit dem Massaker in eine Richtung getrieben. Für ihn gilt erinnern, immer wieder, laut und öffentlich. Nie wieder darf so etwas passieren. Dies sagt er mit Tränen in den Augen. Erinnern bedeutet Schmerz, aber Vergessen ist nicht möglich. Zu existentiell ist der Kummer. Argyris hat sich entschieden, dem Kummer wenn nicht ein Ende so doch eine Form von Würde zu verleihen.

Doch: Für Deutschland und seine Entschädigungspolitik gilt das Massaker in Distomo nicht als solches, sondern als Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung. Weder soll es anerkannt noch den Menschen aus Distomo ein Eingeständnis von Schuld und ein Versuch von Entschuldigung entgegengebracht werden. Es scheint, als wüßte Deutschland, seine Verbrechen fortzusetzen. Es geht nicht um eine irgendwie geartete Form von Entschuldigung, sondern um Einsicht, sagt Argyris zum Schluß. Um Einsicht, daß das, was damals geschah, niemals vergessen, niemals relativiert werden, niemals entschuldigt werden und niemals wieder geschehen darf. Dafür wird er weiterkämpfen.

Stefan Haupt setzt mit seinem Film hierfür ein Zeichen. Dicht und konzentiert löst sich aus dem Horror des Geschehenen das Bild eines Mannes, der lebensfroh und charmant über sein Leben und seine Bestimmung referiert. Ohne erhobenen Zeigefinger, sondern menschlich und nah bleibt dieser Film ein wichtiges Dokument über die Auswüchse unmenschlichen Verhaltens, über die daraus resultierenden Leiden und die damit einhergehende Kraft der Hoffnung. 1970-01-01 01:00
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