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Ein Freund von mir

D 2006. R,B: Sebastian Schipper. K: Oliver Bokelberg. S: Jeff Harkavy. P: X Filme, Film1. D: Daniel Brühl, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, Peter Kurth u.a.
84 Min. X Verleih ab 26.10.06

Absolute Beginner

Von Cornelis Hähnel Der deutsche Film hat sich in den letzten Jahren in punkto Qualität und Erfolg mehr als rehabilitiert, darüber muß kein Wort mehr verloren werden. Nur die deutsche Komödie ist noch immer ein Problemkind, steckt sie größtenteils doch noch zwischen Altherrenwitz-Plumpheit oder einer Schweiger-Riemannschen Biederkeit. Doch dann kommen glücklicherweise immer wieder die vielbesagten Ausnahmen der Regel.

Karl ist Mitte 20 und erfolgreich. Der junge Mathematiker und aufstrebende Manager hat eine große neue Wohnung, viel Geld und ist gelangweilt von Dingen, die zu leicht zu erreichen sind. Und ihm fällt alles leicht. Sein Chef und Mentor Naumann versucht, etwas Leidenschaft in ihm zu wecken und schickt ihn auf eine als Provokation gemeinte Strafexpedition: Er soll inkognito bei einer Mietwagenfirma am Flughafen als Fahrer anfangen und Versicherungsrisiken abschätzen. Dort lernt er den Lebenskünstler und Vollzeitphilosophen Hans kennen. Zwei scheinbar konträre Welten treffen aufeinander. Karl gibt sich betont desinteressiert, aber Hans läßt nicht locker und bemüht sich mit ewigen Fragen und Geschichten um Kontakt. »Bist du glücklich?«, will er von Karl wissen und zeigt ihm, was ihn glücklich macht: seine Freundin Stelle. Daraus entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte, die sich immer mehr selbst beweisen muß.

Ein Freund von mir ist eine leise und unaufdringliche Komödie geworden, ohne große Lacher, aber mit einem konstant mitschwingenden Humor. Die Reibungspunkte bei der Kollision der unterschiedlichen Charaktere bieten dafür ebenso eine Grundlage wie die sich auftuenden Gemeinsamkeiten. Und doch ist der Humor nur der Zwischenton des Films, die Fragen nach Freundschaft, Glück und Liebe stehen im Vordergrund, ohne sich dabei pathetisch zu profilieren. Die Freundschaft als Ersatzfamilie, ein Aufeinanderzugehen und der Wille, Gegensätzlichkeiten für sich selbst zu nutzen. Auf der einen Seite das Extrovertierte und die Leichtsinnigkeit, auf der anderen Seite das Introvertierte und das Bedürfnis nach Kontrolle. Zwei Extreme, die erst im Miteinander beginnen zu funktionieren.

Doch daß dies glücklicherweise nicht mit einer klaren Schwarz-Weiß-Trennungslinie präsentiert wird, liegt an dem Fokus auf die Annäherung. Das Drehbuch von Sebastian Schipper konzentriert sich auf die Schwierigkeiten des zwischenmenschlichen Miteinanders, auf die aufzubringende Bereitschaft, sich auf andere einzulassen, den Willen zur Freundschaft trotz Problemen. Die Protagonisten suchen ihren Halt im Leben ineinander, werden zu gegensätzlichen Fixpunkten, und aus dieser Bindung entsteht eine Art Liebe. Schipper traut sich, Hans und Karl nicht als Saufkumpane darzustellen, sondern erlaubt zwischen beiden eine latent aufblitzende Homoerotik, die sich niemals unangenehm oder überzogen, sondern ehrlich und aufrichtig präsentiert. Auch in der Wahl des Settings, dem Pendeln zwischen Flughäfen und Autobahnen, zwischen ephemeren Orten der Unbeständigkeit, der permanenten Mobilität, wird das Thema der Suche nach Halt unaufdringlich weitergeführt. Überhaupt nimmt sich der ganze Film zurück, viel passiert in Kleinigkeiten und Nebensätzen, ohne große Gesten der Dramatik und überzogenen retardierenden Momenten.

Daß man dennoch nicht das Interesse verliert, liegt dabei an den überzeugenden Darstellern. Neben dem neuen Triumvirat des deutschen Films, Sabine Timoteo, Jürgen Vogel und sein Penis, ist Daniel Brühl in der Rolle des ehrgeizigen, aber drögen Karl ideal besetzt. Das Miteinander der Drei ist durchweg homogen und dient der glaubwürdigen Entwicklung und ständigen Intensivierung der Freundschaft. Und während bei Schippers Debüt Absolute Giganten die Grundthematik das Ende und das Aufhören war, ist es hier der Beginn: ein Beginn einer Freundschaft und einer Liebe, ein Erkennen des Brauchens und Gebrauchtwerdens. Und man kennt diese Art von Freundschaften, um die man sich bemühen muß, die sich nicht nur in gleichen Interessen offenbaren und von diesen gestärkt werden. Gerade dieser Aspekt wird mit der richtigen und realitätsnahen Dosierung von Komik und Tragik dargestellt. Es ist halt nicht immer einfach, mit anderen Leuten umzugehen, aber es ist unverzichtbar, auch wenn es manchmal wehtut. 1970-01-01 01:00

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