— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Eierdiebe

D 2003. R,B: Robert Schwentke. K: Florian Ballhaus. S: Hans Funk. M: Martin Todsharow. P: Odeon Pictures. D: Wotan Wilke Möhring, Julia Hummer, Janek Rieke, Antoine Monot jr. u.a.
88 Min. Odeon ab 22.1.04

Einblick ins Nichts

Von Thomas Waitz »Tumor ist, wenn man trotzdem lacht«, kalauert Martin. Da haben die Ärzte dem Studenten bereits einen seiner beiden Hoden entfernt, und die Chemotherapie steht noch bevor. Kann man aus einem Thema wie Hodenkrebs eine Komödie machen? Vermutlich ja. Eierdiebe bleibt diese Antwort indessen schuldig. Zu unentschlossen schwankt der Film zwischen Empathie und schwarzem Humor, und am Ende entscheidet er sich dann lieber für einen makabren Witz, als die inneren Konflikte seiner Protagonisten ernst zu nehmen und auch einmal die Bitterkeit des »Trotzdem« auszuhalten.

Immer wieder zeigt der Film in absurder Lakonik die komischen Seiten des Krankseins und einer Behandlung, in welcher der Patient nur noch auf seinen »Defekt« reduziert wird – Martin ist »der Hoden«. Doch die witzigen Seiten wirken auch deshalb nicht befreiend, weil die unlustigen nicht beklemmen. Wenn etwa Martins Verhältnis zu seinen Eltern geschildert wird, ihre Unfähigkeit mitzufühlen, dann flüchtet sich der Film, gerade in dem einen Moment, in dem die Schwierigkeiten offenbar werden, in einen makabren Kotzanfall des Sohnes, der ausgestellt wird, ohne den einmal aufgebauten Konflikt wieder aufzunehmen.

Das ist richtig schade, denn der Film hat ansonsten bemerkenswertes Potential. Etwa die außergewöhnliche Bildgestaltung: In ausgeblichenen, kalten Farben und exakt konstruierten Einstellungen zeigt Florian Ballhaus die Welt des Krankenhauses. Und bereits die äußerst effektiv geschnittene Eröffnungssequenz zeugt von der Qualität des Films, mit und in Bildern zu erzählen statt nur über Dialoge oder gar eine modisch gewordene Voice-Over-Narration. Eierdiebe vermeidet dabei zwar jeden Anflug von Rührseligkeit in seiner oftmals grotesk übersteigerten Schilderung des Alltags auf der Krebsstation, doch die Protagonisten bleiben einem letztlich fremd – in einem doppelten Sinne: leblos, bevor der eine oder die andere schlichtweg verreckt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #33.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap