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Egoshooter

D 2004. R,B,S: Christian Becker. R,B,K: Oliver Schwabe. K,D: Tom Schilling. S: Achim Seidel, Angelika Strelczyk. M: Aurelio Valle u.a.. P: Reverse Angle, WDR. D: Camilla Renschke, Max Timm, Lilia Lehner u.a.
72 Min. Reverse Angle ab 24.2.05

Das Leiden oder das Nichts

Von Frank Brenner Die Jahre, in denen deutsche Filmemacher nur belanglose Klamotten oder bedeutungsschwangere Pseudokunst in die Kinosäle brachten, ist gottseidank mittlerweile vorbei. Nicht zuletzt dank der vereinfachten Produktionsbedingungen, die digitale Kameras und der Avidschnittplatz mit sich gebracht haben, werden ambitionierte junge Filmemacher bestätigt, durch die damit verbundenen vergleichsweise geringen Kosten das Risiko einzugehen, ihre Ideen tatsächlich zu realisieren. Wim Wenders leistet mit seiner Produktions- und Verleihinfrastruktur Reverse Angle nicht zu unterschätzende Schützenhilfe. Egoshooter ist das Leinwanddebüt von Filmstudenten der Kunsthochschule Köln, die damit einen frischen Stil pflegen, der von der einnehmenden Präsenz seines charismatischen Hauptdarstellers Tom Schilling dominiert wird.

Schilling spielt den 19jährigen Jakob, der sein gesamtes Leben mit der Digitalkamera festhält. Er befindet sich auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, versucht, seine Beziehung zu Frauen zu hinterfragen, sich über den Begriff der Liebe klar zu werden und die letzten Tage des faulen Nichtstuns angemessen zu genießen. Die von Hauptdarsteller Tom Schilling größtenteils selbst geführte Kamera bleibt oft dicht an den Personen dran, zeigt Jakob beim Abhängen mit seinen Freunden, beim Saufen mit der Mutter eines Freundes, beim Onanieren, beim Einbrechen in ein leerstehendes Haus oder beim Beobachten seines Bruders, während der mit seiner Freundin Sex hat.

Die Idee ansich ist nicht neu. Auch Olivier Ducastel und Jacques Martineau haben ihren jugendlichen Hauptdarsteller in Mein Leben in der Provinz Videotagebuch führen lassen. Das analytische Beobachten der Heranwachsenden des 21. Jahrhunderts, die sich von ihren angepaßten Eltern zu differenzieren suchen, kennen wir aus den Werken Larry Clarks oder Gus Van Sants. Und auch zum diesjährigen Gewinner des Preises der deutschen Filmkritik, Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei, gibt es gleich mehrere Parallelen. In beiden Fällen wird artikuliert, daß die Jugend sich selbst als zu unpolitisch begreift, was sich schließlich in Zerstörungswut gegenüber des Establishments entlädt. Neu an Egoshooter ist allerdings, daß diese Ansätze derart radikal aus der Sicht eines jungen Erwachsenen geschildert werden, und dem jugendlichen Zielpublikum mit dem einnehmenden Tom Schilling eine derart imposante Identifikationsfigur mitgeliefert wird. Wenn man nicht gerade ein ausgemachter Tom-Schilling-Hasser ist, wird man die Ideen, die in diesem Film formuliert werden, sicherlich als Bereicherung empfinden. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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