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Eden

D/CH 2006. R,B: Michael Hofmann. K: Jutta Pohlmann. S: Bernhard Wießner, Isabel Meier. M: Christoph M. Kaiser, Julian Maas. P: Gambit. D: Josef Ostendorf, Charlotte Roche, Devid Striesow, Max Rüdlinger u.a.
104 Min. Pandora ab 23.11.06

Zum Fressen gern

Von Constanze Frowein Im Kino wird geschnüffelt und gerochen sowie geschmatzt und geschlürft. Wo Eichingers millionenschwere Produktion Das Parfum mit den olfaktorischen Reizen endloser Lavendelfelder und alabasterhäutiger Jungfrauen zu locken sucht, beschäftigt sich Eden, eine weitaus bescheidenere deutsch-schweizerische Produktion, mit den erotisierenden Gaumengenüssen eines Meisterkochs. Im Parfum erstickt die jede Szene beherrschende Perfektionsgier das Schwelgen in gedachten Geruchswelten bereits im Kern. Weder die Gedanken noch der Atem sind hier frei.

Anders bietet sich dem Zuschauer Michael Hofmanns Film. Bereits der Vorspann lockt durch genußvoll schwelgende Bilder für die Kamera schmackhaft beleuchteter Leckereien, bevor die detailverliebte Schärfe der Bilder für eine spröde, grobkörnig in Szene gesetzte Welt eines muffigen Kurortes aufgegeben wird. Vor dieser Kulisse wirkt Eden, die junge Mutter eines am Down-Syndrom leidenden Mädchens, wie ein Vogel, dem die Flügel gestutzt wurden. Stark, witzig und energiegeladen ist die von Charlotte Roche gespielte Kellnerin, deren Leidenschaft und Spontaneität in einer Welt aus Eintänzern und Kaffeekränzchen nach und nach verkümmern müßte – wenn nicht die Bekanntschaft mit dem einsamen Koch Gregor Edens Tochter zu einer Pralinen-verzierten Geburtstagstorte verhelfen würde, die der Trübe des Daseins einen Strich durch die Rechnung macht.

Gregor ist mit Leib und Seele Koch, und als betörend erweisen sich dessen geniale Saucen, Pasten und Cremes, wenn Eden zuerst schwelgt, dann lechzt und letzten Endes genußvoll die letzten Reste mit dem Finger in ihren Mund rettet. All diese göttlichen Speisen ermöglichen das Lächeln der jungen Frau, in die sich der nach Nähe und Geborgenheit sehnende Meisterkoch verliebt, denn beim Kochen, das gibt er leise flüsternd zu, denkt er an sie. Die zarte Liebe des schüchternen Mannes zu der jungen Eden aber wird nicht erwidert, denn sie trägt die neu entfachte Leidenschaft in ihre Ehe. Statt den zarten wie wertvollen Knospen dieser Freundschaft zur Blüte zu verhelfen und deren Früchte zu ernten, versucht der Ehemann in Eifersuchtsschüben, die seelische Verbundenheit seiner Frau zum geheimnisvollen Kochgenie zu zerstören.

Logische Brüche im Gefüge des Films tauchen zwar immer wieder auf, und auch die Zerrissenheit der Fokussierung mehrerer Themenbereiche will nicht immer gelingen, wenn Michael Hofmann der Liebe zu kulinarischen Ergüssen huldigt, den Mief eines Kurortes als Kontrast setzt und die Gegensätze in eine Zerreißprobe zuspitzt. Eden ist keine Haute Cuisine des Kinos, aber das wirkt befreiend. Denn hier bleibt die Möglichkeit, inszenatorische Lücken mit Phantasie zu füllen. Der Film ist mit einer kaum zu beschreibenden Unschuld beseelt, die dem Kino des Perfektionismus nicht gerecht werden kann (und will?). Menschlichkeit verbirgt sich als Quintessenz hinter dem Vorhang von Schlichtheit und Naivität. Und damit behauptet sich das Kleinod Eden neben dem Giganten Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders, der unter der Last einer perfekten Vermarktung zu faulen beginnt. 1970-01-01 01:00

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