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Edelweißpiraten

D 2004. R: Niko von Glasow-Brücher. B: Kiki von Glasow. K: Jolanta Dylewska. S: Oli Weiss, Andreas Wodraschke. M: Andreas Schilling. P: Palladio, WDR. D: Bela B. Felsenheimer, Jochen Nickel, Anna Thalbach, Jan Decleir, Ivan Stebunov u.a.
95 Min. 3 Rosen ab 10.11.05

Das Rattern der Geschichte

Von Thomas Warnecke »Diese Jugendlichen im Alter von 12-17 Jahren flegeln sich bis in die späten Abendstunden mit Musikinstrumenten und weiblichen Jugendlichen hier herum,« schrieb der NSDAP-Ortsgruppenleiter in Düsseldorf-Grafenberg 1943 an die Gestapo. »Da dieses Gesindel zum großen Teil außerhalb der HJ steht und eine ablehnende Haltung zu dieser Gliederung einnimmt, bilden diese eine Gefahr für die übrige Jugend,« formuliert er grammatikalisch falsch weiter und vermutet in »diesen Jugendlichen« die Urheber allerlei defätistischer Wandschmierereien, subsumiert unter »Betr.: Angelegenheit ›Edelweißpiraten‹«. Bis heute ist diese »Angelegenheit« nur am Rande vorgekommen, vielleicht, weil im Unterschied zu Kreisauer Kreis, Roter Kapelle und Weißer Rose ein schriftlich fixiertes Programm fehlt, mit dem sich eine offizielle Geschichtsschreibung auseinandersetzen könnte.

Umso mehr scheint sie fürs Kino geeignet, das ja insbesondere nach dem Krieg das Leitmedium zur Darstellung jugendlicher Revolte war. Erstaunlich eigentlich und auch wieder nicht, daß sich zwischen all den Halbstarkenfilmen damals niemand für die Edelweißpiraten interessiert hat. Rebellion statt Anpassung, Lederjacke statt Uniform, Swing statt Marschmusik – die Gegensätze, von denen auch Niko von Glasows Film ausgeht, sind geradezu altmodisch eindeutig, ohne daß sie falsch wären. In einem Endzeit-Ehrenfeld der letzten Kriegsmonate inszeniert er die Edelweißpiraten als Bewegung im Wortsinne, als Laufen und Verstecken in den Trümmern des zerbombten Kölner Stadtteils, gefilmt mit digitaler Handkamera, eher schmutzig im Look und weit weniger hakenkreuzlastig als bei in dieser Zeit angesiedelten Produktionen üblich, anti-Aimée und Jaguar sozusagen.

Von Glasow hat die richtigen Entscheidungen getroffen, und genau deswegen sieht Edelweißpiraten ein bißchen zu sehr so aus, wie er zu erwarten war, zu angemessen, zu gut gemeint. Die digitale Handkamera ist ein schon recht etabliertes Stilmittel, neben dem erwünschten Effekt »Authentizität« ist ihre Handhabung in diesem Film dafür verantwortlich, daß die Schauspieler wenig Gelegenheit haben, echte Charaktere zu repräsentieren, so wie jedes spielerische, komische, vermeintlich unangemessene Element dem Film abgeht. Angetrieben von einem ästhetischen Konzept rattern die Bilder über eine dramatische Handlung hinweg, und am Ende ist wieder ein Film herausgekommen, der vielleicht der Geschichte gerecht wird, aber eben nicht dem Kino. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #40.
© 2012, Schnitt Online

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