— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Durchfahrtsland

D 2005. R,B: Alexandra Sell. K: Justina Feicht, Henning Drechsler. S: Daniela Drescher. M: Kreidler. P: 2Pilots, ZDF/Das kleine Fernsehspiel.
Real Fiction ab 15.9.05

Vorgebirgsgeschichten

Von Frank Brenner Wie spießig, verklemmt und überholt es vielerorts in der deutschen Provinz zugeht, hat Jochen Hick vor einiger Zeit mit seinem unterhaltsamen Dokumentarfilm Ich kenn keinen – Allein unter Heteros eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Daß man sich noch nicht einmal so weit in die abgelegenen ländlichen Regionen unseres Landes vorwagen muß, um derlei Verhalten und Lebensauffassungen dokumentieren zu können, hat nun die Wahl-Kölnerin Alexandra Sell bei ihrem ersten Langfilmprojekt erkennen können. Nur zwanzig Straßenbahnminuten von der Domstadt entfernt, stieß sie im Vorgebirge des Rheinlandes auf eingeschworene Gemeinden, die Traditionen wahren, an alten Fehden eisern festhalten und dem modernen Großstadtmenschen wie Relikte einer längst vergangenen Zeit vorkommen müssen.

Anhand von vier ziemlich unterschiedlichen Protagonisten hat Alexandra Sell das im Laufe eines Jahres festgehaltene Material zu einem schlüssigen Dokument dieser Region verarbeitet. Pfarrer Dümmer ist gefangen in der Rivalität zweier Nachbardörfer, deren beider geistlicher Vorstand er zu allem Überfluß ist. Sophia Rey publiziert im Eigenverlag Krimis, die im Vorgebirge angesiedelt sind, wird aber ausgerechnet in ihrem Heimatdorf mit Mißachtung gestraft. Giuseppe Scolaro ist begeistertes Vereinsmitglied, kann seine vielfältigen gesellschaftlichen Verpflichtungen schließlich aber nicht mehr mit seinem Beruf als Soldat in Einklang bringen. Und der Schüler Mark Basinsky schließlich wirkt mit seinen künstlerischen Ambitionen wie ein Fremdkörper in einer Welt des geordneten und peinlich durchorganisierten Stumpfsinns.

Wenn sich ein Dokumentarfilmer dazu entschließt, seine Aufnahmen mit einem epischen Kommentar zu versehen, läuft er schnell Gefahr, seine neutrale Beobachterstellung zu verlassen und Wertungen abzugeben, wo diese vielleicht nicht angebracht erscheinen mögen. Sell war sich dieser Gratwanderung bei Durchfahrtsland durchaus bewußt. Doch auch wenn die Regisseurin der Meinung ist, die Würde ihrer Protagonisten durchweg gewahrt zu haben, entsteht doch häufig der Eindruck, daß Sell die Vorgebirgsmenschen auf unschöne Weise vorführt. Gerade in ihren bissig-ironischen Kommentaren offenbart die Filmemacherin einen herablassenden Gestus gegenüber den von ihr Dokumentierten, der sich in den wenigen verbliebenen Interviewpassagen nicht wiederfinden läßt. Die daraus entstehende Doppelmoral schadet dem unbenommen hohen Anspruch ihres Films. Denn die Einblicke in die sicherlich einigermaßen repräsentative deutsche Provinz erweisen sich ohne Frage als tiefgründig, informativ und vor allem soziologisch aufschlussreich. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap