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Dumplings – Delikate Versuchung

Gaudzi. HK 2004. R,S: Fruit Chan. B: Lilian Lee. K: Christopher Doyle. S: Tin Sam-fat, Chan Ki-hop. P: Applause Pictures. D: Miriam Yeung, Bai Ling, Tony Leung Kar-fai, Wong So-fun u.a.
91 Min. 3L ab 4.8.05

Garantiert glutamatfrei

Von Anatol Weber Der alte Menschheitstraum von ewiger Jugend und Schönheit, überall auf der Welt erliegen wir der Versuchung, dem Alter und seinen negativen Begleiterscheinungen zu entgehen. Während in unseren westlichen Breitengraden gern zur Spritze und zum Skalpell gegriffen wird, bedienen sich die »Wunderheiler« Asiens lieber der Natur. Da werden Tiere für ein bisserl Potenz und weniger Falten abgeschlachtet und wenn das nicht mehr weiterhilft, wird sich aus dem eigenen Ersatzteillager bedient.

Miss Qing, einst erfolgreicher Soapstar, muß mitansehen, wie sich ihr Mann (wunderbar Tony Ka-fai Leung als weiß-grau-geiler Galan) jüngeren Mädchen hingibt und sie lediglich mit Schecks befriedigt. Hilfe ist dringend nötig, und die scheint die mysteriöse und ewig junge Mei in Form von Dumplings (gefüllte Teigtäschchen) geben zu können. In ihrer ärmlichen Wohnung am Rande der Stadt hält die ehemalige Gynäkologin Zutaten bereit, die die Haut verjüngen, aber das Blut gefrieren lassen. Der Ekel ist bald überwunden, und das Ergebnis ist sensationell, die Freundinnen staunen neidisch, und auch der Ehemann ist vor neu erweckter Begierde kaum noch zu halten. Leider wird schnell klar, daß der Effekt nicht von Dauer ist und unangenehm riechende Nebeneffekte produziert. Geld spielt natürlich keine Rolle, und so entspinnt sich eine herrlich makabere Farce, die bis zum famos bösartigen Ende den Zuschauer erregt schaudern und schmunzeln läßt.

Dumplings ist trotz seiner schwer verdaulichen Zutaten kein Horrorfilm, der sich auf den vordergründigen Adrenalinschock verläßt, sondern grandioses und vitales Schauspielerkino, das vor Spielfreude, Erotik und Sarkasmus nur so strotzt. Miriam Yeungs feine und akzentuierte Art, ihrer Rolle der Miss Qing von der anfänglichen Verzweiflung bis zur wilden Entschlossenheit Leben einzuhauchen, ist ein filmisch-kulinarischer Leckerbissen. Wer weiß, ob ihr ihre Ausbildung zur Krankenschwester da behilflich war. Bai Ling ist prädestiniert für die Rolle der Mei: sexy, geheimnisvoll und von tiefer Weisheit beseelt, ist sie der Prototyp der modernen Hexe, die höchstens vor Lust, aber nicht auf dem Scheiterhaufen verbrennt.

In ihrem ersten Hongkong-Film besticht die in Hollywood lebende Chinesin und ist trotzdem nur ein wunderbarer Teil eines Zusammentreffens von Meisterköchen des Kinos der alten Kronkolonie. Regisseur Fruit Chan ist seit seinem Durchbruch 1997 mit Made in Hongkong einer der wichtigsten asiatischen Independent-Filmemacher, der diesen Film augenzwinkernd als seinen ersten Major-Mainstream Film bezeichnet. Kamera-Enfant terrible Christopher Doyle, bei uns durch die Filme Wong Kar-wais und Zhang Yi-mous Hero zu Ehren gekommen, versteht es wie kein anderer, Culture & Clash in seiner Linse zu vereinigen und somit immer im Brennpunkt zu sein.

Diesmal weniger kunstvoll, aber virtuos voyeuristisch füllt er die Teigtäschchen zum Augenschmaus. Zu verdanken haben wir diese delikate Angelegenheit allerdings dem Produzenten Peter Ho-sun Chan. Selbst ein erfolgreicher Regisseur, der mit Comrades – Almost a Love Story eine der schönsten Love Stories der letzten Jahre schuf, rief er 2002 das Projekt Three ins Leben, das drei namhafte Regisseure aus dem gesamten asiatischen Raum zusammenbrachte, um mysteriöse Kurzgeschichten zu verfilmen und zu einem Gesamtfilm zu verbinden. Der Erfolg gab ihm recht, und die von ihm gedrehte, grandiose Episode »Going Home« (Kamera: Chris Doyle) wurde zum eigenständigen Feature Film erweitert. So ist Dumplings ursprünglich auch Teil des zweiten Three-Projektes, doch zu Recht hat diese makabere und garantiert glutamatfreie Verköstigung der Sinne den Weg als Hauptgericht in die Kinos geschafft. 1970-01-01 01:00

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