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Der Duft von Lavendel

Ladies in Lavender. GB 2004. R,B: Charles Dance. K: Peter Biziou. S: Michael Parker. M: Nigel Hess. P: Scala, Lakeshore. D: Judi Dench, Maggie Smith, Daniel Brühl, Miriam Margolyes u.a.
103 Min. Concorde ab 6.10.05

Methusalem-Kompott

Von Thomas Warnecke Das ist natürlich Pech für Daniel Brühl: Da macht er sich auf in andere Länder, zu anderen Frauen, und anstatt etwa an der Côte d'Azur und vielleicht bei Ludivine Sagnier oder Virginie Ledoyen zu landen, findet er sich im Bett zweier alter Tea-Time-Tanten wieder, an der Küste Cornwalls, und die ist Rosamunde-Pilcher-Country, wo eine sanfte Brise süßen Unsinns schwermütig säuselt und am Strand vermutlich die ganze Zeit gebückte Muschelsucherinnen mit den Köpfen aneinanderstoßen.

Anders als der Titel das wohl nahelegen soll, ist die Handlung allerdings nicht auf dem Mist der Großkitschière gewachsen; trotzdem ist sie allerfeinster Pipifax: Daniel Brühl wird dekorativ auf die Klippe vorm Haus zweier alter Schwestern gespült, es stellt sich heraus, daß er erstens Pole und zweitens ein ungemein talentierter Geiger ist. Glücklicherweise ist gerade die aquarellmalende Natasha McElhone in der Nähe, ihres Zeichens Schwester eines überaus berühmten russischen Fiedlers, die dem schmucken Burschen zum großen Durchbruch verhilft. Spielt natürlich alles damals, in den guten alten 1930ern.

Jetzt aber der Grund, warum Daniel Brühl wirklich Pech gehabt hat: Die beiden alten Damen sind Judi Dench und Maggie Smith, die Schlachtrösser des britischen Films, Vertreterinnen einer handwerklich profunden und sozusagen gut abgehangenen Schauspielkunst, wie es sie so nur in England und eigentlich überhaupt gar nicht mehr gibt, und dank ihnen kann einem der ganze Schmarrn von Handlung herzlich egal sein.

Sie wären auch ohne sie und den halbwitzigen Sidekick in Form ihrer walisischen Wirtschafterin ausgekommen. In einem heiter-idyllischen Beckett-Endspiel schlagen sie ihre Zeit mit selbstverständlich Gartenarbeit und schlechten Radioentertainern tot, gehen sich auf die Nerven und haben sich wieder lieb; und als dann dieser adrette junge Mann im Gästebett liegt, überbieten sie sich gegenseitig im Betüddeln. Leise Eifersucht hält Einzug, gleichzeitig die Erinnerung an das uneingelöste Glücksversprechen einer früheren Liebe…

Aber das ist, wie gesagt, belanglos. Auf die Tanten kommt es an, und deswegen hat ihnen Charles Dance auch schön viel Raum und Zeit gelassen, und sie danken es ihm mit der Präzision ihrer Mundwinkel und dem Spiel ihrer Blicke. Vermutlich braucht es einen langgedienten Supporting Actor wie Charles Dance, der nach vierzig Jahren vor der Kamera weiß, was Könner brauchen, und deshalb als Debütant kurz vorm 60. Geburtstag mit Dench und Smith dieses Methusalem-Kompott angerührt hat. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #40.

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