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Duell – Enemy at the Gates

Enemy at the Gates. F/D/GB/IRL 2000. R,B: Jean-Jacques Annaud. B: Alain Godard. K: Robert Fraisse. S: Noelle Boisson, Humphrey Dixon. M: James Horner. P: Mandalay/Réperage. D: Jude Law, Joseph Fiennes, Ed Harris, Rachel Weisz, Bob Hoskins u.a.
131 Min. Constantin ab 15.3.01

Kriesgsdesaster

Von Thomas Warnecke Es ist ein Leichtes, einen mit viel Vorschußlorbeeren startenden Film nach allen Regeln der Kunst zu verreißen. Dagegen ist es fast aussichtslos, einen Film, der als Eröffnungsfilm eines großen Festivals und wegen eines nachgerade titanischen Sujets aller Augen auf sich zog, um einhellig und zurecht als Katastrophe abgetan zu werden, anläßlich seines bevorstehenden regulären Kinostarts erneut zu verreißen.

Wer immer noch nicht kapiert hat, was sich jeder schon bei der bloßen Zusammenfassung der Handlung denken kann, daß nämlich Enemy at the Gates ein abgrundtief schlechter Film ist, dem ist halt nicht zu helfen; und für den geneigten Leser wird die Kritik eines solchen Films selbst zum Gegenstand kritischer Überprüfung, dahingehend, wie sie weitere messerscharfe Argumente aufbietet, mit welchen klugen Beobachtungen es ihr gelingt, angesichts des zur Genüge negativen Medienechos trotzdem nicht überflüssig zu sein.

Der Zuschauer erwartet Stalingrad, bekommt aber erstmal eine bescheuerte Rückblende, die die Initiation des jungen Vassili (Jude Law) zum Scharfschützen im Angesicht eines angreifenden Wolfes (Onkel Wolf! Wolfsschanze! Wolfsburg!) erzählt. Ziemlich bald landet der Herangewachsene dann aber doch im Kampfgetümmel, im Feindbeschuß schon bevor er seinen Fuß auf Stalingrads Gestade setzt. In diesem Anfangsgetöse scheinen wohl die 160 Millionen Budget zu explodieren, die diverse deutsche Filmboards und -fonds dem Name der Rose-Regisseur Jean-Jacques Annaud pflichtschuldigst in den Arsch geblasen haben.

Den restlichen Film nämlich hätte man in der erstbesten Fabrikruine drehen können, weil Jude Law und Ed Harris als sein deutscher Rivale König nur noch zwischen den immergleichen alten Schläuchen, rostigen Rohren und zerborstenen Scheiben herumturnen, um einander zu erschießen. Garniert ist der Quark mit einer albern-durchsichtigen Dreiecksgeschichte zwischen Schütze Law, der süßen Soldatin Tania (Rachel Weisz) und einem Propagandaoffizier (Joseph Fiennes); Bob Hoskins absolviert Knallchargenauftritte als russischer Klischeealkoholiker Chruschtchow, Matthias Habich gibt einen ziemlich farblosen General Paulus (dem das miserable Presseheft kurzerhand einen Adelstitel verleiht), Eva Mattes ist wohl so eine Art Mütterchen Rußland. Ed Harris agiert zu hölzern, als daß er dieser Gunfighter-Moritat eine tiefere Dimension verleihen könnte; das Verhältnis zwischen ihm und seinem russischen Kinderspion Sacha (Gabriel Marshall-Thomson), der sich zwischen den Fronten bewegt und wegen seines doppelten Spiels schließlich von König aufgehängt wird, ist ohne jeden Anflug von psychologischem Gespür inszeniert.

Psychologie aber wäre das mindeste, wenn man schon einen so belasteten Topos wie Stalingrad zum Privatkrieg zweier Männer eindampft. Immerhin war Jean-Jacques Annaud nicht so vermessen, seinen Film Stalingrad zu nennen, was ja vor ihm schon ein bekannter Geschichtsklitterer fertigbrachte; Spielberg hat Schindler's List ja auch nicht »Ausschwitz« genannt. So vermeidet der Film im Titel einen gleichsam ultimativen Anspruch, den die Sequenz von der Landung des Soldatennachschubs in Stalingrad und das Europa-Rekord-Budget dennoch zu erheben scheinen.

Daß die Duell-Geschichte dann aber doch wieder auf eine ausschnitthafte, subjektivere Sicht des Kriegsgeschehens abzielt, die sie freilich nicht bietet, zeigt das vollkommene Desaster der künstlerisch Unverantwortlichen. Individuelle Schicksale in den Mittelpunkt zu stellen ist nicht verwerflich, doch zwei Antipoden des Häuserkampfes zu Schicksalsträgern zu stilisieren heißt eine propagandistische Inszenierung zu übernehmen, die der Regisseur, falls er je lautere Gedanken auf sein Projekt verwandt hat, vielleicht einmal kritisieren wollte. 1970-01-01 01:00

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