— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Du bist nicht allein

D 2007 R,B: Bernd Böhlich. K: Thomas Plenert. S: Karola Mittelstädt. P: Ö-Filmproduktion. D: Katharina Thalbach, Axel Prahl, Herbert Knaup, Karoline Eichhorn u.a.
97 Min. Neue Visionen ab 19.7.07

Der Abstieg nach oben

Von Ekaterina Vassilieva Wenn man die gesellschaftlichen Mißstände kritisieren und gleichzeitig ein Unterhaltungsprodukt hervorbringen möchte, sind Widersprüche vorprogrammiert. Alle Bemühungen um den »sozialen Realismus« werden durch klischeebeladene Charakterzeichnung oder oberflächliche Situationskomik schnell zunichte gemacht. Und die beabsichtigte »wirklichkeitsnahe« Darstellung gerät schnell zur Reproduktion der gängigen Stereotypen. So liefern die Berliner Hochhausblocks in Böhlichs Film eine bereits gewohnte symbolträchtige Kulisse für die Visualisierung der gescheiterten Hoffnungen, der Sehnsucht und Vereinsamung.

Der Blick vom Balkon eines der höheren Stockwerke ist ja auch die perfekte Metapher des unerfüllten Eskapismus, die der arbeitslose Malermeister Hans Moll noch weitertreibt, indem er die Balkonwände mit dörflichen Landschaften ausschmückt. Ironischerweise malt er direkt nach der Natur, denn die dörflich anmutende Einfamilienhaussiedlung liegt ihm buchstäblich zu Füßen, ist aber deshalb nicht weniger unerreichbar. Der umgekehrte Weg – aus einem Eigenheim in die triste Hochhauswohnung – ist dagegen viel schneller, wie der Fall seines Nachbarn, des promovierten Physikers Kurt Wellinek, beweist, der sich vermutlich aufgrund von Alkoholproblemen von seinem Wohlstand und seiner Frau trennen mußte. Allein die Russin Jewgenia kann sich über den Bezug der neuen Wohnung neben den Molls noch relativ unbefangen freuen, bis sie merkt, daß die erträumte Einrichtung weit über ihre Mittel hinausgeht. Die Zuneigung, die Hans für die attraktive Nachbarin empfindet, aktiviert dann natürlich all seine Menschlichkeit und das angestaute Einfühlungsvermögen, das auch seiner Frau positiv auffällt, ohne daß sie den wahren Grund dafür erkennt. Frau Moll ist nämlich voll von ihrem neuen Job im Wachdienst in Anspruch genommen, der ihr durch die Arbeitsagentur vermittelt wurde und mit dem sie neue Hoffnungen verbindet. »Du bist nicht allein!« ist übrigens der Slogan, der ihr und ihren Kollegen bei dem Motivationstraining in der Firma ans Herz gelegt wird. Dieselbe Botschaft möchte auch der Film vermitteln, obwohl er sich von der ins Groteske abgleitenden Rhetorik des Motivationstrainers klar abgrenzt. Die wahre Gemeinschaft entsteht nämlich spontan und ohne wirtschaftlichen Anreiz: Man kommt zusammen, um etwas von sich zu geben, und nicht, um den Gewinn zu steigern. Das Pathos, mit dem uns der Film, trotz der komödienhaften Einlagen, sein Thema präsentiert, erinnert jedoch unfreiwillig an das firmeninterne Ritual, das genau denselben Begriff der Solidarität ausbeutet, mit dem der Film seine Zuschauer berühren möchte. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #47.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap