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Dreizehn

Thirteen. USA 2003. R,B: Catherine Hardwicke. B: Nikki Reed. K: Elliot Davis. S: Nancy Richardson. M: Mark Mothersbaugh. P: Antidote, Working Title. D: Evan Rachel Wood, Holly Hunter, Nikki Reed, Deborah Kara Unger, Kip Pardue u.a.
100 Min. Fox ab 13.11.03

Glückszahl

Von Carsten Happe Ein junges Mädchen mit unglaublich blauen Augen sitzt auf dem Bett in ihrem Zimmer und schaut direkt in die Kamera. An den Wänden überlappen sich Ansichtskarten, Zeichnungen und ähnlicher Schnickschnack, die Plüschtiere am Kopfende des Bettes sind sorgsam arrangiert. Eine bonbonfarbene kleine Welt. Das Mädchen schaut auffordernd in die Kamera und deklamiert ohne mit der Wimper zu zucken: »Come on, hit me! Harder!« Eine Faust schnellt hervor und trifft sie mitten ins Gesicht. Aus ihrem Mundwinkel rinnt Blut, doch ihre Augen leuchten. Ein zweites junges Mädchen hat sie genau so geschlagen, wie sie es wollte. Beide schnüffeln an Spraydosen, beide sind dreizehn.

Dieser Schlag von Evie, dem vermeintlich coolsten Mädchen der Schule, trifft nicht allein Tracy, die mehr als alles andere einfach dazugehören will, sondern vielmehr den Zuschauer – nachhaltiger, als es die kalkulierten Provokationen eines Larry Clark etwa vermögen. Die Drastik von Dreizehn kommt unvermittelt, aber nie grundlos, alles ist miteinander verzahnt, doch nie konstruiert. Der Haß auf den neuen Freund der Mutter, der unsensible große Bruder, die Sinnlosigkeit der Schule; jedes für sich ist »another brick in the wall«, die Tracy um sich errichtet, durch die allein Evie noch einen Zugang findet. Evie nimmt ihre Hand und entführt sie auf die dunkle Seite des Mondes, in eine Welt aus Drogen, leichtsinnigem Sex und Selbstverstümmelungen.

Catherine Hardwickes Film ist ein Initiationsritus in mehrerer Hinsicht, sowohl das Regiedebüt der vormaligen Szenenbildnerin von Filmen wie Vanilla Sky oder Three Kings als auch das erste Drehbuch der gerade einmal 14jährigen Nikki Reed, die zudem die Evie spielt und zahlreiche autobiographische Züge einbrachte. Dreizehn ist zugleich ein Exorzismus falscher Vorstellungen über Freiheit und Erfüllung, ein schmerzliches Erwachen nach einer verkorksten Nacht, ein leiser Hoffnungsschimmer, dann doch. Auch für das amerikanische Independentkino, das sich hier so kraftvoll und energisch wie seit langem nicht mehr zeigt. Zwei phänomenale Hauptdarstellerinnen, Evan Rachel Wood als Tracy sowie Holly Hunter in der Rolle ihrer Mutter, geben dem Film jene, vor allem auch emotionale, Glaubwürdigkeit, die dem US-amerikanischen Film oftmals nicht gelingt. In dieser Hinsicht ist Dreizehn eine wahre Glückszahl. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #32.

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