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Drei Stern Rot

D 2000. R: Olaf Kaiser. B: Holger Jancke. K: Matthias Tschiedel. S: Sabine Brose. M: Rainer Kirchmann. P: Hoferichter & Jacobs. D: Rainer Frank, Petra Kleinert, Dietmar Mössmer u.a.
85 Min. Progress ab 23.5.02
Von Thilo Wydra Als Kinder spielten sie in Berlin an der Mauer, auf deren undurchdringlicher Seite wohlgemerkt. Die Grenzer scherzten mit den Kindern, die Bilder erinnern an einen Abenteuerspielplatz. Später, als Teenager, probten sie den Aufstand in der jungen Gemeinde. Der eine drehte avantgardistische Super8-Filme, der andere verfaßte Untergrundgedichte. Der Pfarrer stöhnte: »Ihr dürft alles hier, Kinder, aber doch nicht das!«

Zwanzig Jahre später filmt der eine die Geschichte seiner Flucht und gibt dem anderen einen Job. Für eine Sequenz soll Dichter Blank noch einmal die braune Uniform der Grenztruppen tragen, in jene Rolle schlüpfen, die ihn zerbrochen hat. Als Blank in einer psychiatrischen Klinik wieder erwacht, erzählt er einer Ärztin sein Leben, das Leben eines Oppositionellen, der als Grenzer der DDR in eine Falle ging, in der er heute noch sitzt.

Spielfilmdebütant Olaf Kaiser arbeitet den Teil der DDR-Geschichte auf, den die Siegerjustiz nach der Wende am gründlichsten diffamierte: das Grenzregime. Er zeigt meist freiwillig verpflichtete Männer, die heute mit dem Image des Mauermörders behaftet sind, auch wenn die wenigsten von ihnen tatsächlich scharf geschossen haben: Leben und Alltag in einer absurden Welt aus Befehlen, Vorschriften, Disziplinarmaßnahmen, Alarmen und abendlichen Saufgelagen im NVA-Trainingsanzug.

Kaiser, vor der Wende Dramaturg in der DEFA-Gruppe Babelsberg, schafft eine Tragikomödie aus Rückblenden und Gesprächsfetzen. Reduziert er die Unterhaltung mit der Ärztin auf ein Kellerkammerspiel, so nehmen die Lebenserinnerungen Blanks zunehmend surreale Züge an, die sich besonders in der Figur Blanks Lebensfeindes, des Lehrers/Majors Nattenklinger ausdrücken.

Ganz nebenbei zeigt der Film auch, daß die Kunst, den Grenztruppendienst zu überstehen, darin bestand, zu verdrängen und sich aus der Wirklichkeit auszuschließen. Daran ist Christian Blank gescheitert.

Drei Stern Rot gehört zu den interessanten deutschen Filmen des Frühjahrs, ein Film, der das durch einseitige Propaganda verzerrte Bild der Grenztruppen relativiert, ohne das Grenzregime selbst zu verteidigen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #26.

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