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Drawing Restraint 9

USA/J 2005. R,B: Matthew Barney. K: Peter Strietmann. S: Luis Alvarez y Alvarez, Matthew Barney, Christopher Seguine, Peter Strietmann. M,D: Björk. M: Akira Rabelais. P: Restraint LLC. D: Matthew Barney, Mayumi Miyata, Shiro Nomura, Tomoyuki Ogawa, Sosui Oshima u.a.
135 Min. Celluloid Dreams ab 8.6.06

Wal-Fahrt

Von Daniel Bickermann Der Versuch, ein Kinopublikum die ersten zehn Minuten eines Films allein dadurch zu fesseln, daß man eine traditionell gekleidete Frau beim kunstvollen Verpacken zweier Steine zeigt, mag eine rein akademische Fingerübung sein. Verdammt eindrucksvoll ist es nichtsdestoweniger. Und es ist zweifellos die schönste Verpackung, die man jemals bestaunen durfte.

In diesen Eindrucksregionen bewegt sich der Zuschauer in Matthew Barneys Filmen, und hier gehört er auch hin: Als staunender Passant wird er Augenzeuge einiger filmischer Geburtsmomente, die nicht nur in der aktuellen Kinoästhetik weltweit ihresgleichen suchen. Aber im Kreißsaal des Künstlers fragt man nicht nach Bedeutung oder Symbolik, schon gar nicht nach dramaturgischer Geschlossenheit, inszenatorischer Stringenz oder, Gott behüte!, nach Unterhaltungswert. Es ist eine Ehre, beiwohnen zu dürfen, und man wird durchaus eingeladen – eigene Assoziation aber werden von der kalten Kunstoberfläche abgeschreckt.

Mit dieser Philosophie hat Barney seinen fünfteiligen Cremaster Cycle, der in unregelmäßigen Abständen durch die Kunstgalerien der Welt tourt und weiterhin nicht käuflich zu erwerben ist, zu einem der begehrtesten Blickobjekte für Filmliebhaber gemacht: kostbar, weil selten, unkritisierbar, weil hermetisch verschlossen und undurchdringlich. Und solange Barneys Filme makellose Diamanten waren, in denen jedes Molekül seinen exakten Platz hatte, war dieses Prinzip der extrem zurückhaltenden, geradezu homöopathischen Distribution im Zeitalter des Werbebombardements und der Marktschreier-Manie durchaus erfolgreich. Vor allem, da hier kein gekünstelter Zitat-Anspruch erhoben wurde, sondern sich spürbar ein scheinbar unfehlbarer Meister in der Blüte seiner Kunst präsentierte. Anspruchsvoller, aber auch anstrengender wird Kunstkino in Europa nicht.

Durch Drawing Restraint 9 zieht sich nun aber ein massiver Bruch, ein unsauberer Einschluß, würde der Juwelier sagen, oder ein Fehler im Schliff. Der Bruch ergibt sich zwischen den Innen- und den Außenaufnahmen des Films. In geschlossenen Räumen herrscht weiterhin die komplette Kontrolle, die man von Barney gewohnt ist: Eine strikte Komposition jagt die nächste, bis selbst Stanley Kubrick blaß werden würde. In diesen Momenten fesselt der Film wie seine Vorgänger den Zuschauer auf eine Weise, die man außerhalb eines Barney-Films vielleicht nie erleben wird: Ein weniger rätselhaftes als vielmehr außerirdisches Kaleidoskop aus eiternden Steinen und japanischem Nô-Gesang tut sich da auf, wo jede Geste Ritual ist, jede Requisite Heiligtum, jedes Bild eine atemberaubende Komposition und jeder Schnitt ein Kapitelwechsel. Die ersten gesprochenen Worte kommen erst nach anderthalb Stunden in den Film.

In diesen Momenten im Inneren der typisch verzierten Barney-Räume ist das Werk, trotz seiner provokativen Plotlosigkeit, weit mehr als nur eine Reihung surrealer Bildszenarien. In seiner zentralen Szene, in der sich Barney und Björk in einem mit Walblut überschwemmten Raum gegenseitig mit verzierten Messern das Fleisch von den Beinen schälen (gerne auch mal spielerisch ein bißchen davon naschen) und nach einer Reihe organischer Umformungen als humanoide Wal-Wesen gemeinsam ins offene Meer hinausschwimmen, schwingt sich der Film zu nichts weniger auf als einer zweiten Vermählungszeremonie von Europas vielleicht exzentrischstem Künstlerpaar. Deutsche Popstars mögen Sat1 damit beauftragen, ihre Heirat als Doku-Soap zu begleiten; Björk (die ja schon in ihren jüngsten, von den Musiksendern wegen der dargestellten Selbstverstümmelung abgelehnten Videos »Cocoon« und »Pagan Poetry« erste Erfahrungen mit halb-digitaler Körperkunst gesammelt hat) und Barney geben sich natürlich für ihr Hochzeitsvideo mit nichts weniger zufrieden als einer gegenseitigen Verspeisung, Verschmelzung und Verwandlung.

Leider verliert sich im Laufe des Films immer dann viel von diesem charmant-provokativen Zauber, wenn die Handlung mal wieder den Fantasie-Innenraum verläßt und ins Freie springt, in die fabrikartigen Hafenanlagen oder auf das moderne japanische Walfangboot. Hier herrscht, verglichen mit den Innenaufnahmen, das blanke Chaos. Geradezu empört bemerkt der Zuschauer, überschwemmt und durchdrungen von Barneys bisheriger inszenatorischer Wucht und Allmacht, das Fehlen einer Instanz, die zum Beispiel für eine originelle und konstante Beleuchtung sorgen könnte. Beleidigt stellt man fest, daß das Walfangschiff in seiner pseudo-ästhetischen Architektur nicht einmal den Abglanz der Barneyschen Architektonik erfüllen kann. Statt Harfenspiels und Innuit-Kehlkopfgesang hört man hier draußen nur den Wind, die Möwen und das Rattern einiger Seile, von niemandem als dem Hochseezufall orchestriert. Selbst die Menschen, japanische Industriefischer und Hafenarbeiterinnen, sehen ernüchternd alltäglich aus, da können sie noch so viel Farbsymbolik mit sich herumtragen oder ungelenke Fächertänze aufführen. Nein, Natur und Matthew Barney, das verträgt sich einfach nicht. Dort, wo der Film den inszenatorischen Grenzen der Realität unterworfen ist, wirkt er wie der brummschädelige Kater des vorherigen, durchstilisierten Bilderbesäufnisses. Ein solcher Bruch stört den Gesamteindruck des neuen Barney-Diamanten dann doch gewaltig, obwohl auch dieses Mal wieder viele funkelnde Stellen zu bestaunen sind. 1970-01-01 01:00
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